interview "Europa ist eine echte Macht"Seite 9/11

Fischer: Ich glaube, hier wird vieles nicht so heiß gegessen, wie es momentan gekocht wird.

ZEIT: Derzeit existiert schon ein Gegeneinander. Das betrifft die ganze europäische Politik des Kompromisses, des Regelns, des Normativen. Jürgen Habermas hat gesagt: „Machen wir uns nichts vor, die normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern.“

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Fischer: Es ist das Vorrecht von Intellektuellen, ja sogar ihre Aufgabe, zuzuspitzen, auf beiden Seiten des Atlantiks.

ZEIT: Ist dieser Satz überspitzt? Gibt es die normative Autorität Amerikas noch?

Fischer: Als handelnder Politiker fällt es mir schwer, solche abschließenden Sätze zu beurteilen. Ich meine gar nicht, dass ich mehr Ausgewogenheit von Intellektuellen erwarten würde. Und auch in den USA geht die Debatte ja weiter. Dort wird man eines sicher realisieren: dass die Legitimationsfrage bei all der großen Macht, die Amerika hat, über die Fähigkeiten der USA hinausweist. Amerika braucht die UN. Und umgekehrt.

ZEIT: Wie wollen Sie das Grundproblem überwinden, dass in den Vereinten Nationen – wie im Falle Irak – Diktatoren mit darüber entscheiden, ob einem Diktator das Handwerk gelegt werden kann?

Fischer: Da kommen wir in eine grundsätzliche Reformdebatte. Diese Reformdebatte aber wird nicht laufen – und deswegen komme ich noch einmal zum Internationalen Gerichtshof –, wenn es eine Einbahnstraße ist. Sie wird nur funktionieren, wenn es eine Zweibahnstraße wird. Ich verstehe ja auch das Problem, das die USA mit den Vereinten Nationen haben, auch wenn ich diese Position nicht teile. Die USA werden aus europäischer Sicht oft missverstanden als ein kontinentaler Nationalstaat letztendlich europäischer Prägung. Das sind sie nicht. Die USA sind 50 Einzelstaaten, die zusammengefunden haben zu einer realisierten Union, das heißt zu einem einzigen politischen Willen.

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