Jeff Koons liebt alles, was groß, knuffig und aufgeblasen ist, Luftballons, Gummitiere und natürlich sich selbst. Keine Gelegenheit lässt er ungenützt, seinen Namen zu blähen, zu weiten, ihn auf Weltwundermaße hochzupumpen. Und tatsächlich, hier und da findet er noch Leute, die von seinen Hohlraumkünsten beeindruckt sind. In Hamburg etwa durfte er vorige Woche seine Ideen für den Spielbudenplatz unterbreiten, eine vergammelte Stadtbrache neben der Reeperbahn. Dort werde künftig eine Akropolis stehen, ein Eiffelturm, das beste Kunstwerk des 21. Jahrhunderts. Koons’ Blähmaschine lief auf Hochtouren.

Voller Ehrfurcht lauschte Hamburgs Bausenator Mario Mettbach den gedunsenen Verheißungen, mächtig stolz war er, den ach so berühmten Amerikaner für den kleinen Spielbudenplatz gewonnen zu haben. Noch glaubte er fest an den Erfolg des Erfolgreichen. Mit der Lichtgestalt Koons wollte Mettbach nicht nur die Stadt, sondern auch sich und seine Schill-Partei erstrahlen lassen. Er hoffte auf Weltläufigkeit, wollte raus aus dem kleinbürgerlichen Mief und meinte, mit diesem Kunstpopulisten sei er, der Politpopulist, bestens bedient.

Koons ist bekannt für seine Kuschelbildnerei, für eine Michael-Jackson-Skulptur aus Porzellan, für den Riesenblumenhund Puppy, für kunterbunte Kinderfantasien. Er versteht sich als Unterhaltungsmeister, will Menschen geben, was sich Menschen wünschen. Nur dass leider diesmal die Menschen nicht das wollen, was er für ihre Wünsche hält.

97 Prozent aller Hamburger sind laut Umfrage gegen seine Pläne für den Spielbudenplatz – und sie sind zu Recht dagegen. Was Koons und Mettbach für fast fünf Millionen Euro auf der Reeperbahn abstellen möchten, was sie als grandiose Attraktion und neue Stadtikone preisen, ist in Wahrheit nur ein Monument der Verblödung. Zwei hochhaushohe Kräne sollen sich künftig und auf Dauer über dem Spielbudenplatz erheben und ein Stahlgerüst tragen, das entfernt an einen Schnurrbart erinnert. An diesem will man zwei mächtige Schwimmringe baumeln lassen, quietschebunt und mit Tierköpfchen versehen. Was uns die monströse Alberei sagen will? Vermutlich gar nichts oder doch nur, dass die Stadt himmelhoch hinauswill, bei diesem Höhendrang aber lieber Rettungsringe mitnimmt und auf Nummer sicher geht.

Besonders kühn war es jedenfalls nicht, Jeff Koons zu engagieren. Schon seit vielen Jahren hat er größte Mühe, als später Nachfahr Andy Warhols das Erbe der Pop Art lebendig zu halten. Nur Mettbach und seiner Kollegin Dana Horáková, im Senat zuständig für Kultur, gilt er nach wie vor als Künstlerheld, als Virtuose der Aufmerksamkeit – und mehr als Spektakel wollen sie von ihm auch gar nicht. Die Kunst soll Hamburg vermarkten, soll Touristen locken, Kultur ist nur noch Wirtschaftsförderung. Und deshalb stört es die Senatoren nicht weiter, dass Koons den Spielbudenplatz weder wahr- noch ernst nimmt. Sein Kunstwerk ist auf Fernwirkung angelegt, es schwebt hoch über den Menschen, und nur wer den Kopf weit in den Nacken legt, wird die Schwimmringe überhaupt erblicken. Ansonsten bleiben dem Passanten nur die Knotenmuster des Pflasters, die auf denkbar schlichteste Weise an die Geschichte des Ortes, an die seilewindenden Reeper erinnern sollen.

Koons kann eben nur Koons, er liebt Blasen, und er lebt selbst in einer. Vertraut sind ihm die Regeln der Sammler, er treibt sein Spiel mit der Kunstgeschichte. Die Komplexität der Stadt hingegen überfordert ihn, fremde Orte bleiben ihm fremd. Sein Zuhause ist das Museum, hier kann sich die Kinderzimmerästhetik, blank poliert und überzuckert, zu erstaunlicher Erhabenheit auswachsen. Auf der Straße aber kommt die ganze Dürftigkeit der Skulpturen zum Vorschein. Für Berlin etwa hat Koons vor wenigen Jahren eine glänzende Ballonskulptur entwerfen dürfen; heute steht sie hilf- und haltlos auf dem Potsdamer Platz herum, die Erhabenheit zerkratzt und geschunden.

Populist kann Jeff Koons nur in eigener Sache sein. Er vermarktet sich selbst und taugt nicht als Vermarktungsinstrument, sosehr sich dies die Tourismusmanager auch wünschen. Wer mit ihm paktieren will, dem bleibt die Blamage nicht erspart, auch in Hamburg nicht. Allerdings darf man dort noch hoffen, dass Koons am eigenen Größenwahn scheitert und die Statiker dem Wahrzeichengewese ein Ende bereiten. Die Monsterkräne sollen nämlich auf wackeligem Grund stehen, auf einer Tiefgarage, und kein Fundament wird die Kräne gegen Stürme sichern können. Allenfalls ließen sich Stahltrossen spannen, die den Spielbudenplatz noch hässlicher machten, als er eh schon ist. Das aber wird Mario Mettbach verhindern, sein Populisten-Instinkt wird ihn nicht nochmals trügen. Und in diesem Fall möchte man sagen: zum Glück.