Nachruf Adolf Frisé
Der Schriftsteller Adolf Frisé, der dieser Tage im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main gestorben ist, war ein eindrucksvoller Mann, wegen seiner hoch gewachsenen, im Alter majestätisch wirkenden Erscheinung einerseits, andererseits wegen seiner ungewöhnlichen Bildung. Er war, altmodisch gesagt, ein Herr, also einer, der etwas von Form und Haltung verstand, sie selber besaß und bei anderen darauf achtete. Im Proust-Fragebogen des damaligen hat er auf die Frage „Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?“ geantwortet: „Aufrichtigkeit, Selbstkontrolle, Verzicht auf eitle Selbstdarstellung“. Diese Eigenschaften hatte er, und das mag einer der Gründe sein, weshalb er, der Schriftsteller werden wollte, zwar immer geschrieben, aber erst im hohen Alter publiziert hat: mit 81 Jahren den Roman mit 87 einen zweiten Roman, Beide, wie auch seine Theaterstücke und Essays, wurden mit Respekt aufgenommen, aber seinen Ruf errang er auf einem Gebiet, wo die genannten Eigenschaften, anders als bei der Schriftstellerei, zwingend notwendig sind. 1956 übernahm er die Leitung des legendären im Hessischen Rundfunk, von 1962 bis 1975 war er Chef der Abteilung „Kulturelles Wort“, und er sendete Beiträge von Richard Alewyn oder Günter Blöcker, Alexander Mitscherlich, Horst Krüger oder Marcel Reich-Ranicki. Die Bedeutung solcher Sendungen für das geistige Leben war gewaltig und ist heute kaum mehr vorstellbar. Frisé blieb, was das sprachliche, intellektuelle Niveau seiner Sendungen betraf, anspruchsvoll und zeigte sich gegen die Forderung nach Bekömmlichkeit und Popularität, die es auch damals schon gab, unnachgiebig. Berühmt aber wurde er durch die Herausgabe von Robert Musils Roman Das war 1957, und einige warfen ihm vor, das Fragment gegen Musils Intention künstlich zu einem Ganzen zusammengesetzt zu haben. Es gehört zu Frisés Größe (auch hier wieder Mangel an Eitelkeit), dass er nicht den Rechthaber spielte, sondern sich an eine die Kritik einbeziehende neue Edition setzte, die 1977 erschien und allgemein gefeiert wurde. Dass Musil als einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts gilt, das ist auch das Verdienst von Adolf Frisé.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.05.2003 Nr.20
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