Hackbeats eines Dschungelmambos peitschen die schwarzen Frauen in Boxenluder-Kostümen heraus ins Studio, und kaum hat sich der Trockeneisnebel verzogen, verhalten sie in einer Voodoo-Trance, zum Trommelfeuer der Bongos stimmen ihre Körper ein Beckenvibrato an, als gelte es, die Gunst eines Buschkönigs zu ertanzen. Jeden Augenblick, so glaubt man, müsste ein Fremdvölkerkundler in die Hände klatschen, und die Touristen im Off drückten auf den Auslöser und erhaschten das Bild der in der Horde stampfenden Afrowilden. Doch dann taucht wie aus dem Nichts ein baumlanger Kerl auf; er versucht sich in einer Art Vandalen- Aerobic mit hoher Selbstverletzungs-Gefahr: Die fingerdicken, wie Kabellitzen verdrillten Goldketten scheuern ihm bei jedem Sprung übers Gesicht, das von einer Skibrille zu gut einem Drittel bedeckt wird. Seine Körpermitte ist sein Genital, und wenn er sich ohne Umstände ans Gemächt greift, lässt man elektrostatische Entladungen vom Band ablaufen.

Als Working-Class-Dschango ist Ali G es seinem Millionenpublikum schuldig, dass er seine Revuegirls mit Klapsen auf den Po entlässt. Jetzt legt der Mann erst richtig los: Im besten Yardie-Slang der Exil-Jamaikaner buchstabiert er den Respektkodex aller Fashion-Kriminellen durch, er spricht von den Übeln und Tücken, die der weiße Teufel für den schwarzen Mann bereithalte. Er glänzt in der Rolle eines Slumlords der Vororte und besteht den Bad-Taste-Crashtest, ohne auch nur für eine Sekunde in seinem Irrsinn nachzulassen. Der Kopist übertrifft das Original; der Imitationsmeister aller Klassen hat – Wie hätte es auch anders kommen können? – nicht trotz, sondern eben wegen der Nichtbeachtung fast aller Tabuschranken großen Erfolg. Seine Comedy-Show wurde mit zahlreichen Fernsehpreisen ausgezeichnet, der durchgeknallte Zigeunerprimas erfreut sich im gesamten Empire großer Popularität. Und jetzt schwingt er in Da Ali G Show auch in Deutschland die Peitsche, dreimal wöchentlich bei Viva.

So weit, so gut. Doch darf der Mann ungestraft die Tarnkappe des mental retardierten Knallkopfs aufsetzen, um ungeniert und ungebremst den Proll-Analphabetismus zu zelebrieren? Lesen macht schwul, sagen die einen, wir haben die weichgespülten Humoronkel satt, Ali G klopft den A-Prominenten die Wämse aus, und überhaupt ist Humor Grützwurst, und die Feingeister sollen ruhig ihre Kabarettabende genießen. Die Kritiker aber werden nicht müde dagegenzuhalten, dass der Minderheitenschutz aufgehoben und die Schonfrist leider verstrichen sei: Die Unterhaltungsindustrie mache sich einen Spaß daraus, per Klamauk und Klimbim den niederen Klassen das falsche Gefühl der Selbstbehauptung zu vermitteln. Ist Ali G, eindeutig kein Schwarzer, ein Ethnoprofiteur? Und müsse er nicht, wenn er schon nicht ablassen will von Unfug, wenigstens die Hälfte seiner Einnahmen einem gemeinnützigen Verein zuführen?

Die gute Nachricht: Wir in Deutschland, diskurstüchtig wie wir sind, brauchen keinerlei Nachhilfe. Kaya Yanar, das von Mundstuhl ersonnene Vollspackenduo Alder & Dragan oder auch Erkan & Stefan – sie sind vor einiger Zeit angetreten, dem Mainstream den Türkenwitz schmackhaft zu machen. Der "Isch hau disch"-Zahnlücken-Irrwitz schäumte auf einer großen Sympathiewoge, und sogar die Dampfpostille Bild ließ ihre Leser die fremde Grammatik anhand einer Kanak-Sprachfibel pauken. Spätestens dann wurde es den Wächtern zu bunt, sie gaben Gefechtsalarm: Sind die Mahmuds und Zlatkos dazu verdammt, als Neonarren der Republik verlacht zu werden? Zlatko schnitt beim Machoturnier im Container gut ab, doch es half alles nichts. Er konnte sich noch so tapfer als knallhart heterosexueller Rammsporn inszenieren, man mochte ihn für eine Weile gerne leiden, weil er nur der nette Jugo von nebenan war. Im wirklichen Leben verläuft eine sichtbare Linie zwischen den Ethnoclans und den Mittelschichtskindern, die sich an den Groschenheft-Abenteuern der Türkenkinder ergötzen.

Tatsächlich bleibt auf diese Weise der clash der Kulturszenen aus, denn es darf aus sicherer Entfernung gelacht werden. Wer das Treiben der Prollberserker vor einer Trendschmuckverkaufsnische einmal erlebt hat, wird sich das Dauergrinsen nicht verkneifen können. Fast jeder Hauptschulabgänger, der etwas auf sich hält, probiert die Kickboxtritte aus Splatterfilmen an leeren Kaugummiautomaten aus. Und man wird einem fremdländischen Türsteher gerne nachsehen, dass er jeden Dialog verweigert, zumal er bei Widerrede rasend schnell zum HullyGully-Ali mutiert. So viel Material war noch nie in Deutschland, und doch scheint es, als habe sich der populäre Ethnojux in Safer Comedy verplätschert.

Dabei fing alles sehr vielversprechend an – das Migrantenkabarett konnte nur noch vor einem studentischen Publikum reüssieren, die alten Scherzhasen wichen immer mehr auf die Kleinkunstbühnen aus. Die Seniorenkomiker und die Kabarett-Apparatschiks gaben wirklich kein gutes Bild ab, die Witzrocker schwitzten auf eine Pointe hin, man hatte bei ihnen herzlich wenig zu lachen. Man glaubte schon, Humor auf deutschem Boden gedeihe nur als Dorngebüsch, und man müsse die Hecke denn auch stutzen und schneiden, bis sie kenntlich werde. Von Seiten der professionellen Witzbolde kam zuweilen der Einwurf, es sei schon ein ungeheurer Kraftakt, die deutschen Kaltblüter zum Lachen zu bringen. Dieser Anhalt zeugt allerdings von einer großen Unkenntnis. Die Deutschen waren und sind immer zu Späßen aufgelegt, manchmal muss man sie sogar zur Ordnung rufen.

Am Anfang der Kanak-Comedy stand der Praxistest. Der deutsche HipHop der ersten Stunde, von Migrantenkindern erst möglich gemacht, entstand unter Laborbedingungen: Die Sozialarbeiter waren froh, dass die aufmüpfigen Jungs in Jugendhauskellerräumen, an Rhythmusmaschinen angeschlossen, Reimgesänge komponierten. Die Ethnokomödianten aber mussten sich gleich vor dem Problemzonenpublikum behaupten. Manchem Spaßkasper verging ob der Buhrufe jede Lust, andere perfektionierten ihren Mut zum Wahnsinn und feilten an einem Bunkerbrecherwitz, der sehr bald mit der recht banalen Zusprechung bedacht wurde, er sei politisch inkorrekt. Dabei tat sich doch das Satiremagazin Titanic als eines der Ersten mit bösen Beiträgen zur Völkerverständigung hervor. Unvergessen bleibt die Werbeanzeige für ein neues Parfum von Joop: "Asyl. Der Duft, der bleibt, auch wenn Sie gehen müssen!" Ein großartig übler Streich war es auch, den armen Roberto Blanco auf der Titelseite abzubilden und dem in der Früh arglos zum Zeitungskiosk schlurfenden Leser zu drohen: "Wenn Sie dieses Heft nicht kaufen, erschießen wir diesen Ausländer!" Von entwaffnender Komik kann hier nicht die Rede sein, der Witz entfaltet seine Wucht nicht zuletzt deshalb, weil ihm nicht der Wunsch nach Kulturvermittlung innewohnt. Vielleicht sind unsere Comedy-Artisten – herkünftig oder angenommen fremd – noch in der Entfaltungsphase; vielleicht müssen sie von den immer gleichen Genitalscherzchen absehen und den Blick von der Mahnwache der Spaßverderber abwenden. Ein Lästerchronist entdeckt die Schlägerei und den Hypersex als die Luxusmittel der Deklassierten, und er kann den Prototypen in den Ethnonischen auch die Lust am groben Spaß ansehen: ein Niedriglöhner, der von der Jungfrau seines Lebens träumt; ein Moscheegänger, der sich mit Neuköllner Anarchopunks anlegt, weil er von ihren Kötern am Hosenbein beschnüffelt wurde; der balkanesische Strohjunker, dessen Pitbull Stanislaw von einem Türken mit Schaschlikspießen zu Tode gestochen wird.

Es ist die Stunde der smarten Barbaren, sie gehen in großem Maßstab vor, und es wäre schlicht eine ärgerliche Stoffverschwendung, wollte man diesen ganzen herrlichen Blödsinn dämpfen. Der Prolet International feiert, auch um den Preis einer blamablen Selbstentblößung, seinen Einbruch in die Mittelschichtsdomänen. Ohne Rücksichtnahme auf Benimm- und Duden-Regel, ohne das Schamgefühl einer erodierenden Bürgerklasse hat er beste Chancen, im Kampf um die besseren Ausstellungsplätze letztendlich doch zu bestehen. Der demokratische Auslebungsextremismus unserer Tage fördert ihn wie einen Hochbegabten, und er bringt tatsächlich ein famoses Gefühl für den Geschmack des Publikums vor dem Bildschirm auf. Der white trash und das Ethnoproletariat – zu einem beträchtlichen Teil der Volksmasse verschmolzen – werden es ihm danken. Mit Ausnahme der Denunziation ist jedes Mittel recht und heilig, um unfreiwilliges Gelächter zu erregen; denn vom Ernst des Lebens reden nur die heiligen Krieger dieser Welt. Das Narrenkostüm steht dem Ethnodeppen gut, und Kaya Yanar, der Beste der Krawallhumoristen, sabotiert mit einigem Erfolg die Kicherkissen-Lustigkeit der breiten Masse. Es kommt aber immer öfter vor, dass man während seiner Sendung Was guckst du? auf Sat.1 nur ein einziges Mal schmunzeln kann. Vielleicht sollten sich unsere Ethnokomödianten eines Meisters erinnern, der ohne Effekte auskam und umso mehr einen gnadenlosen Unfug stiften konnte. Kaya Yanar, Alder & Dragan, Erkan & Stefan – sie sind Heinz Erhards legitime Erben.