kino Eine Axt für Amerika

"Die Wutprobe": Jack Nicholson spielt einen Aggressionstherapeuten

Zugegeben, in seinen selbstzufriedenen Mundwinkeln, den mephistophelisch überspitzen Augenbrauen und den Stirnfalten, in die sich im Laufe der Jahrzehnte wahre Abgründe eingegraben haben, hatten wir uns eingerichtet wie in einer gemütlichen Sofagarnitur. Jack Nicholson knipste sein Grinsen an, und man konnte sicher sein, dass nichts mehr sicher war. Ob er, wie in vergeblich gegen eine erstarrte Psychiatrie anrennt, in obsessive Gedanken auf Papierstapeln verschlüsselt oder einfach nur feist durch die Gegend schaut, er ist der in aller Stille durchgeknallte Freak, der die Zivilisation aus ihrem Zentrum heraus zersetzt. Nicholson, der mit der Axt die Tür zerhackt, hinter der sich in seine Familie versteckt, der in dem Darwinismus und Konkurrenzgehabe der Alphamännchen mit erotisch-animalischer Aggressivität begegnet – nur zu gerne lassen wir uns von seiner Verschlagenheit in die stockdunklen Kämmerchen der Konsensgesellschaft ziehen, dahin, wo dreckige Gedanken, Wahnsinn, Wut und Eingeweide in einer zischenden Ursuppe brodeln.

Gerade weil Nicholson ein janusköpfiger Triebtäter ist, befreite und verdrängte Gewalt, ungezügelte und verklemmte Sexualität, gerade weil man weiß, dass sich seine Spießerfrisur sekundenschnell in wild herumzüngelnde fettige Strähnen auflösen kann, wirkt seine Rolle in Peter Segals Die Wutprobe nun wie ein Verrat an allem, was wir an ihm lieben. Er spielt einen Aggressionstherapeuten, der die leisen Zornesanfälle und cholerischen Ausbrüche seiner Patienten beherrscht wie die Register einer Orgel. Doch diesmal ist das Verfahren anders: Doktor Buddy Rydell soll dem schüchternen Angestellten Dave Buznik (Adam Sandler) helfen, sein sanftmütiges Wesen zu überwinden. Als Missionar mit genialisch befeuertem Blick hat Nicholson also letztlich die recht spießige Aufgabe, einen etwas wunderlichen, verdrucksten, defensiven Außenseiter in der Gemeinschaft der all American boys zu begrüßen, die hin und wieder mal scheppernd auf den Tisch hauen und einen ordentlichen Sexwitz erzählen können.

Anzeige

Das Problem dieses Pennälerkomödchens sind weniger die Fäkal- und Spermawitze, die miesen Gags über guten und schlechten Sex, heiße Tussen und lateinamerikanische Schwuchteln, das Problem ist vor allem Nicholson, der Wunderdoktor, der hier plötzlich die saubere, gesunde, kathartische Gewalt aus der amerikanischen Durchschnittspsyche hervorkitzeln soll. Unter der sorgsamen Anleitung seines Therapeuten trainiert der schüchterne Dave, Frauen aufzureißen, Buddhisten zu beleidigen und herumzubrüllen. Er bietet seinem schikanösen Chef die Stirn, schlägt den blasierten Rivalen nieder und lernt, „die Aggression, die sich immer nach innen richtete, endlich nach außen zu kehren“. In einem Cameo-Auftritt als Bürgermeister von New York wird Rudolph Giuliani gewissermaßen zum kumpelhaften Paten der geglückten Gewalttherapie, die wie ein psycho-politischer Tusch für den Irakkrieg daherkommt – Aggression als erste Staatsbürgerpflicht, die denn auch folgerichtig zu einem Heiratsantrag führt und im Sportstadion unter den Augen von Millionen amerikanischer Fernsehzuschauer ihren Segen bekommt.

Nicholsons immer einen Deut überzerrtes Grinsen ist zu einer harmlosen Karnevalsmaske erstarrt. In Die Wutprobe wirkt er wie ein alter Opa, der am heimischen Familientisch sitzt und, leer vor sich hinlächelnd, nach der Erinnerung an wilde Zeiten kramt. Die Zeiten, in denen die Familie ihm hin und wieder Elektroschocks verordnete. Als er drogenselig mit der Harley Davidson durch die Staaten fuhr, um in New Orleans das große Aussteigerglück zu finden. Als er noch Esstische mit der Axt zerhackte und verschreckte Kinder durch die Gänge eines großen, leeren Hauses jagte.

 
Service