Die Schlagzeilen hätten auch so aussehen können: Deutscher Wissenschaftler verwandelt Stammzellen in Eizellen. Die New York Times hätte von spektakulären Forschungen aus Deutschland berichtet, die Washington Post, BBC und zwei Dutzend andere große Medien hätten in Ulm oder Heidelberg angerufen, um bei Hans Schöler mehr über seine aufsehenerregende Arbeit zu erfahren.

Doch wie die Dinge nun einmal gelaufen sind, war in den meisten Zeitungsberichten nur von amerikanischen Wissenschaftlern die Rede. Und Hans Schöler beantwortet die Anrufe und E-Mails der Weltpresse von seinem Labor an der University of Pennsylvania aus – obwohl er gern in der Heimat geblieben wäre. "Leider hatte ich nicht das Gefühl, dass meine Arbeit dort geschätzt wurde", sagt der gefeierte Forscher.

Wie Hans Schöler verlassen jedes Jahr Hunderte Wissenschaftler – Doktoranden, Nachwuchsforscher, Professoren – Deutschland in Richtung USA, entnervt von der hierarchischen Starre des hiesigen Wissenschaftssystems, angezogen von der Offenheit amerikanischer Forschungseinrichtungen und der Großzügigkeit ihrer Finanziers. Fast die Hälfte der German scholars in den USA sind Biowissenschaftler wie Schöler. Sein Lebenslauf erzählt musterhaft, warum ein Spitzenforscher, der mit deutschen Steuergeldern hervorragend ausgebildet wird, seine Triumphe im Ausland feiert. Ein Paradebeispiel, um im Bild zu bleiben, für die Pluripotenz deutscher Wissenschaftler, die am totipotenten System scheitern.

In Heidelberg regierte der Neid

Dabei lief für Hans Schöler alles auf eine typisch deutsche Wissenschaftlerkarriere hinaus. Biologiestudium und Promotion ("mit Auszeichnung") in Heidelberg, dann – nach einem Abstecher in die Industrie – Forschertätigkeit am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie. 1985 wechselte Schöler an das European Molecular Biology Laboratory, kurz EMBL, das Aushängeschild europäischer Molekularbiologie. Noch relativ jung gelang es dem heute 50-Jährigen, Artikel in Science, Cell oder Nature zu platzieren – Zeitschriften, in die es nur wenige Deutsche schaffen. Keine schlechten Visitenkarten für die Bewerbung um eine Professorenstelle an einer deutschen Universität. Dachte Schöler. Er dachte es nicht lange.

Dass der Wissenschaftler durch seinen Wechsel an das EMBL in universitären Zirkeln zum Außenseiter geworden war, musste er bereits bei seiner Habilitation feststellen. Denn das EMBL liegt zwar in Heidelberg, gehört als außeruniversitäres Forschungslabor aber nicht zur Hochschule. Genau das ließen die Heidelberger Ordinarien den Habilitanden Schöler spüren. "Regelrecht vorgeführt" fühlte er sich damals, als die Universität ihm im ersten Anlauf die Habilitation verweigerte.

Schölers Frau stand mit einer Sektflasche draußen. Die blieb ungeöffnet. "Sie ließen mich durchrasseln. Mich, der nie eine Prüfung schlechter als mit einer Eins gemacht hatte", ärgert sich Schöler. Noch heute, zehn Jahre später, spürt man, wie tief ihn die Abfuhr seiner Heimatuniversität verletzt hat. Er blieb nicht der Einzige. Drei von vier EMBL-Forschern – allesamt bereits international renommiert – fielen im ersten Versuch durch.

Dennoch hoffte er weiterhin, seinen Platz in der deutschen Wissenschaft zu finden. Doch als er sich an verschiedenen Universitäten vorstellte, bekam er endgültig das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Gerade mal eine Dreiviertelstunde hatte Schöler Zeit, sich in Heidelberg für eine C4-Professur vorzustellen. Es musste schließlich schnell gehen: Fünf andere Bewerber sollten ebenfalls an diesem Tag durchgeschleust werden. Das Interesse seiner zukünftigen Kollegen an der Fakultät sei gering gewesen, erinnert er sich. Die meisten waren gar nicht erst gekommen, Fragen hätten sie keine gestellt. In Ulm, ein Jahr zuvor, sei es ähnlich gewesen. Nach der Vorstellungsrunde hieß es dort: "Wenn Sie wollen, können Sie nun in der Mensa etwas essen."