Zukunft ist anderswo

In Deutschland interessierte sich für Hans Schöler kaum jemand. Jetzt arbeitet der Stammzellforscher in den USA - und erregt weltweit Aufsehen. Er forscht und lehrt seit 1999 an der University of Pennsylvania. Der Biologe strebte ursprünglich eine Karriere in Deutschland an. Doch trotz hervorragender Noten und Veröffentlichungen fand er an deutschen Universitäten keinen Job. In den USA gehört der heute 50-Jährige zu den führenden Stammzellforschern. Seine Mitarbeiterin Karin Hübner ging mit nach Pennsylvania. Nun steht die medizinisch-technische Assistentin als Erstautorin über Schölers jüngstem Artikel in Science, der entwicklungsbiologische Erkenntnisse auf den Kopf stellt

Die Schlagzeilen hätten auch so aussehen können: Die hätte von spektakulären Forschungen aus Deutschland berichtet, die BBC und zwei Dutzend andere große Medien hätten in Ulm oder Heidelberg angerufen, um bei Hans Schöler mehr über seine aufsehenerregende Arbeit zu erfahren.

Doch wie die Dinge nun einmal gelaufen sind, war in den meisten Zeitungsberichten nur von amerikanischen Wissenschaftlern die Rede. Und Hans Schöler beantwortet die Anrufe und E-Mails der Weltpresse von seinem Labor an der University of Pennsylvania aus – obwohl er gern in der Heimat geblieben wäre. „Leider hatte ich nicht das Gefühl, dass meine Arbeit dort geschätzt wurde“, sagt der gefeierte Forscher.

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Wie Hans Schöler verlassen jedes Jahr Hunderte Wissenschaftler – Doktoranden, Nachwuchsforscher, Professoren – Deutschland in Richtung USA, entnervt von der hierarchischen Starre des hiesigen Wissenschaftssystems, angezogen von der Offenheit amerikanischer Forschungseinrichtungen und der Großzügigkeit ihrer Finanziers. Fast die Hälfte der German scholars in den USA sind Biowissenschaftler wie Schöler. Sein Lebenslauf erzählt musterhaft, warum ein Spitzenforscher, der mit deutschen Steuergeldern hervorragend ausgebildet wird, seine Triumphe im Ausland feiert. Ein Paradebeispiel, um im Bild zu bleiben, für die Pluripotenz deutscher Wissenschaftler, die am totipotenten System scheitern.

In Heidelberg regierte der Neid

Dabei lief für Hans Schöler alles auf eine typisch deutsche Wissenschaftlerkarriere hinaus. Biologiestudium und Promotion („mit Auszeichnung“) in Heidelberg, dann – nach einem Abstecher in die Industrie – Forschertätigkeit am Göttinger Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie. 1985 wechselte Schöler an das European Molecular Biology Laboratory, kurz EMBL, das Aushängeschild europäischer Molekularbiologie. Noch relativ jung gelang es dem heute 50-Jährigen, Artikel in Science, Cell oder Nature zu platzieren – Zeitschriften, in die es nur wenige Deutsche schaffen. Keine schlechten Visitenkarten für die Bewerbung um eine Professorenstelle an einer deutschen Universität. Dachte Schöler. Er dachte es nicht lange.

Dass der Wissenschaftler durch seinen Wechsel an das EMBL in universitären Zirkeln zum Außenseiter geworden war, musste er bereits bei seiner Habilitation feststellen. Denn das EMBL liegt zwar in Heidelberg, gehört als außeruniversitäres Forschungslabor aber nicht zur Hochschule. Genau das ließen die Heidelberger Ordinarien den Habilitanden Schöler spüren. „Regelrecht vorgeführt“ fühlte er sich damals, als die Universität ihm im ersten Anlauf die Habilitation verweigerte.

Schölers Frau stand mit einer Sektflasche draußen. Die blieb ungeöffnet. „Sie ließen mich durchrasseln. Mich, der nie eine Prüfung schlechter als mit einer Eins gemacht hatte“, ärgert sich Schöler. Noch heute, zehn Jahre später, spürt man, wie tief ihn die Abfuhr seiner Heimatuniversität verletzt hat. Er blieb nicht der Einzige. Drei von vier EMBL-Forschern – allesamt bereits international renommiert – fielen im ersten Versuch durch.

Dennoch hoffte er weiterhin, seinen Platz in der deutschen Wissenschaft zu finden. Doch als er sich an verschiedenen Universitäten vorstellte, bekam er endgültig das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Gerade mal eine Dreiviertelstunde hatte Schöler Zeit, sich in Heidelberg für eine C4-Professur vorzustellen. Es musste schließlich schnell gehen: Fünf andere Bewerber sollten ebenfalls an diesem Tag durchgeschleust werden. Das Interesse seiner zukünftigen Kollegen an der Fakultät sei gering gewesen, erinnert er sich. Die meisten waren gar nicht erst gekommen, Fragen hätten sie keine gestellt. In Ulm, ein Jahr zuvor, sei es ähnlich gewesen. Nach der Vorstellungsrunde hieß es dort: „Wenn Sie wollen, können Sie nun in der Mensa etwas essen.“

Wie amerikanische Universitäten Personalpolitik betreiben, erlebte Schöler, als er kurze Zeit später einen Anruf aus Philadelphia erhielt. Ob er sich nicht einmal vorstellen wolle, man plane da ein neues Institut. Zwei volle Tage nahm sich die Universität Pennsylvania Zeit – für ihn allein. In zwei Dutzend Einzelinterviews, Arbeitsessen und Gruppengesprächen versuchten die Professoren, sich von dem Kandidaten ein Bild zu machen – und ihre Universität von ihrer besten Seite zu zeigen. „Alle Gesprächspartner waren top vorbereitet, hatten meine Publikationen gelesen“, erinnert er sich.

Als sich die University of Pennsylvania, eine der „Top Ten“ in den USA, für den Deutschen entschied, „wurde der rote Teppich ausgerollt“. Die Universität kümmerte sich um die Green Card für ihn und seine Familie und half bei der Haussuche. Seiner Frau, einer Juristin, wurde ein Studienplatz an einer benachbarten Hochschule vermittelt. Um die richtige Schule für die Kinder zu finden, organisierte die Fakultät Vorstellungsgespräche bei den Highschools der Umgebung. Während er in Deutschland das Gefühl hatte, Teil einer für alle lästigen Pflichtveranstaltung zu sein, wurde Schöler in den USA regelrecht umworben. „Von Beginn an gaben mir alle das Gefühl: Du bist gut, wir wollen dich“, sagt er.

Heute, wo er selbst in Berufungskommissionen der University of Pennsylvania sitzt, weiß er, dass man nicht jede Schmeichelei vorbehaltlos glauben darf. Auch Bewerber, die nicht zur Spitzenklasse gehören, werden in den USA mit Lob bedacht – und zügig informiert, dass man sich dennoch für einen anderen Kandidaten entschieden habe. Von deutschen Universitäten erhielt Schöler die letzten Absagen, als er bereits zwei Jahre in den USA forschte.

Seit 1999 leitet der Deutsche nun auf dem kleinen Campus, eine Autostunde von Philadelphia entfernt, das Center for Animal Transgenesis and Germ Cell Research. Im Labor wird häufig Deutsch gesprochen – wenn man sich nicht gerade in Englisch, Chinesisch oder Italienisch verständigt. Denn neben einer Forschercrew aus neun verschiedenen Ländern arbeiten fünf deutsche Wissenschaftler im Zentrum. Zwei von ihnen hat „der Hans“, wie ihn hier alle nennen, aus Heidelberg mitgebracht – und sie sind gern gegangen: Katharina Lins und Karin Hübner. Die eine ist erst 25, hat gerade ihre Doktorarbeit und ihren ersten eigenen Fachartikel in einem angesehenen Magazin veröffentlicht. Die andere, Karin Hübner, ist nach deutschen Kriterien gar keine Wissenschaftlerin. Ja, sie hat noch nicht einmal studiert. Dennoch zeichnet die medizinisch-technische Assistentin (MTA) sogar als Erstautorin für den aufsehenerregenden Science- Artikel verantwortlich. Eine Hilfskraft im Labor sorgt mit einer Veröffentlichung für weltweite Aufmerksamkeit: In Deutschland wäre das unmöglich. In den USA dagegen „zählt weniger der Titel als die Leistung“, sagt Hübner. Schöler bestätigt: „Wer gut ist, bekommt seine Chance.“

Dennoch, man muss sich auch in den USA erst beweisen. Zuerst stellte die Universität Schöler nur als Associate Professor ein, vergleichbar mit dem deutschen C3. Er sollte zeigen, dass er nicht nur forschen, sondern auch Geld heranschaffen kann. Schöler bestand die Probe. Gleich im ersten Anlauf brachte er bei den National Institutes of Health einen großen Forschungsantrag durch und kam damit unter die besten fünf Prozent in der Biomedizin. Die amerikanischen Kollegen waren beeindruckt. Die Universität ernannte ihn rückwirkend zum full professor (C4), eine seltene Auszeichnung. Zugleich sind an seine Stelle feste Sponsorengelder gebunden, die seine Forschung auch in Zeiten knapper Kassen garantieren. In ein repräsentatives Büro fließt das Geld übrigens nicht. In Schölers Dienstzimmer passt gerade mal ein zweiter Stuhl.

Sehnsucht nach daheim

Heute gehört Hans Schöler zu den wichtigsten Experten der USA in der Stammzellforschung. Sein Wort wird gehört, wenn Präsident George W. Bush die Linie der US-Regierung auf diesem Gebiet festlegen will. „Niemals“, sagt der Forscher und wiederholt das Wort, „niemals wird man durch Klonen einen gesunden Menschen schaffen können.“ Im vergangenen Jahr fand sein Team ein Protein, das die Entwicklung von der Eizelle zum Embryo steuert – und damit einen der Gründe, warum das reproduktive Klonen von Tieren so häufig fehlschlägt oder mit Missbildungen endet. Jeden Versuch dazu hält er für „kriminell“. Das therapeutische Klonen zu Heilungszwecken dagegen sei vielversprechend.

Das amerikanische Magazin Discover platzierte Schölers Artikel über das Antiklonprotein unter die 100 „Top Science Stories“ der Naturwissenschaften des Jahres 2002. Dennoch nahm kein Professor der University of Pennsylvania an dem schnellen Aufstieg des ausländischen Kollegen Anstoß. „Innerhalb der Universität gibt es hier keinen Neid“, sagt Schöler. Der ganze Ehrgeiz richtet sich auf die Konkurrenz mit den anderen Spitzenuniversitäten. In diesem Wettbewerb will man die Nummer eins werden: bei den Drittmitteln, den Publikationen, den besten Studenten. Wer dazu beiträgt, ist willkommen. In Deutschland dagegen habe er das Gefühl, sagt Schöler, dass man gute Leute mitunter nicht haben will, „weil sie den anderen die Show stehlen“.

In der Heimat begann man sich für ihn erst wieder zu interessieren, als er in den USA Karriere machte. Heute hält er mehr Vorträge in Deutschland als je zuvor, ist als Gutachter gefragt und berät die CDU/CSU-Bundestagsfraktion in Sachen Gentechnologie. Und konkrete Anfragen, ob er sich nicht nach Deutschland zurückorientieren wolle, liegen auch vor. Reizen sie ihn? Schöler gerät ins Grübeln.

Die üppigen Forschungsgelder, das professionelle Management der Uni-Verwaltung, der lockere Umgang im Labor – all das spricht fürs Bleiben in den USA. Gerade hat er erfahren, dass ein junger hoch begabter Kollege, für den er sich in Deutschland eingesetzt hatte, einen Ruf nach Pittsburgh angenommen hat, weil er in Deutschland keine Perspektive mehr sah. „Das war ein Déjà-vu-Erlebnis“, so Schöler.

Andererseits hat seine Familie, besonders seine Frau, „Sehnsucht nach daheim“. Und vielleicht, hofft er, lässt sich ja auch in Deutschland einiges verändern.

 
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