Es war Zufall, dass Karin Hübner gerade in diesem Moment durch die Optik ihres Binokulars blickte. Was die Forscherin in ihrem Labor an der University of Pennsylvania bei Philadelphia beobachten konnte, hat noch nie zuvor ein Mensch mit eigenen Augen gesehen. "Das war ein unglaublicher Moment", sagt Hübner. Gerade noch dümpelte das winzige Zellhäuflein ruhig in der Nährflüssigkeit herum, plötzlich platzte die Hohlkugel auf und gebar eine ungewöhnlich große Zelle. "Die schoss richtig mit Karacho raus."

Die Forscherin hatte einen Eisprung beobachtet. Noch dazu einen ganz besonderen: die erste Labor-Ovolution der Geschichte. Der Forschungserfolg dürfte Hübner und ihrem Laborchef Hans Schöler zu Weltruhm verhelfen. Und Bioethiker geraten erneut in Schwierigkeiten bei der Frage: Wo und wann beginnt eigentlich neues Leben? Weltweit schwirrt den Experten der Kopf angesichts der neuen Möglichkeiten, welche die Erkenntisse aus Philadelphia eröffnen.

Was sich sonst tief verborgen in den Follikeln der Eierstöcke abspielt, haben Schöler, Hübner und ihre amerikanischen und französischen Kollegen zum ersten Mal ans Licht der Laborbänke gezerrt und am vergangenen Freitag im Wissenschaftsjournal Science zur Besichtigung freigegeben. Zur Sensation wurde der Forschungserfolg noch aus einem anderen Grund: Die Follikel mit den Eiern in den Petrischalen des deutsch-amerikanisch-französischen Forscherteams sind künstlich, hergestellt und herangezüchtet aus embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) von Mäusen – nach bisheriger Lehrmeinung ein Ding der Unmöglichkeit.

Denn dass aus den kultivierten Embryozellen zwar prinzipiell alle im Körper vorkommenden Zelltypen gezüchtet werden können, nicht jedoch die Keimbahn – jene Zellen, die Eizellen und Spermien hervorbringen –, ist unter Zellbiologen zur dogmatischen Gewissheit geworden. ES-Zellen gelten daher nicht als totipotent (zur Erzeugung eines ganzen Individuums befähigt), sondern nur als pluripotent. Was die Wissenschaftler freut, denn menschliche totipotente Zellen wären nach deutscher Rechtslage Embryonen und damit für die Forschung tabu.

Dreieinhalb Jahre brauchte Schöler, um mit diesem Irrtum aufzuräumen. "Das wollte ich von Anfang an, als ich in die Staaten ging." In Deutschland war der heute 50-Jährige weitgehend auf Desinteresse gestoßen (siehe Porträt Seite 29).

Der Durchbruch gelang Schöler und Hübner schließlich in den USA, mit einem verblüffend einfachen Verfahren (siehe nebenstehende Grafik): Die Forscher isolierten aus Kulturen mit vielen Millionen ES-Zellen solche, in denen ein Gen Oct4, für die Entwicklung zu Keimbahnzellen das Kommando übernommen hatte. Als sie eine von Oct4-Gen dirigierte Zellsaat beisammen hatten, konnten sie zuschauen, wie sich nach und nach Keimzellen bildeten.

Dabei ging es in den Petrischalen zu wie im Körper von Mäuseweibchen. "Die Zellen lösten sich einfach vom Boden der Schalen", berichtet Schöler. Dann hätten sie sich zu Follikeln zusammengeschlossen: "Die Zellen können Sie nicht von natürlichen Follikelzellen unterscheiden." Schließlich begannen die Zellklümpchen sogar mit der Hormonproduktion, sie pumpten rhythmisch Estradiol in die Umgebung – ganz wie bei der Eizellproduktion in der Natur. Den großen Moment bereitete Hübner vor, als sie schließlich das Schwangerschaftshormon hCG in die Nährlösung tropfte: Kurz darauf schoss das erste Ei hervor. Ein künstlicher Eisprung eines künstlichen Eis in einem künstlichen Eierstock. Schöler wird es bei der Schilderung selbst etwas mulmig: "Das hört sich schon ein bisschen komisch an, nicht?"

Es geht auch mit Menschenzellen