Glück und Unglück
Bürger, schaut auf diese Städte!
In Osnabrück wohnen die zufriedensten, in Dessau die unzufriedensten Menschen Deutschlands. Das ergab eine repräsentative Umfrage. Burkhard Strassmann traf bei einem Besuch Osnabrücker, denen nichts Menschliches peinlich ist. Und Jörg Burger entdeckte in Dessau, dass auch der Unglückliche das Schöne schätzt
Die Große Rosenstraße. Ein zugiger Ort in der Osnabrücker Neustadt, also dem uneigentlichen Osnabrück. Parkplätze, hässliche Rückansichten größerer Kaufhäuser. Und doch ist dieser Ort bemerkenswert. Wegen Pretalo. Presse, Tabak, Lotto. In großen Lettern steht über dem Ladenfenster des Fachgeschäfts dies wunderschöne Motto: »Lesen, Rauchen und ein bisschen Glück!«
Diese Mischung aus Bescheidenheit und leiser Zuversicht - wahrhaftig, das ist Osnabrück! So ist der Osnabrücker Mensch in dem für ihn typischen Schwebezustand zwischen Ambition und Desinteresse, den man Zufriedenheit nennt. 87 Prozent sind mit dem Leben in Osnabrück zufrieden. Was muss eine Stadt bieten, um ihre Bewohner zu den zufriedensten Deutschlands zu machen?
Die Stadt mit dem Dom, der einen dicken und einen dünnen Glockenturm hat! Die Stadt an der Hase! Die Autobahnumschlungene (A 1, A 30 und A 33)! Man dreht es, man wendet es, es bleibt die Stadt ohne Image. Unter Marktforschern galt der Ort lange Zeit als durchschnittlichste Stadt Deutschlands. Wollten sie die Akzeptanz einer neuen Dosenmilch testen, fuhren sie einfach nach Osnabrück. Sehr begeisterte Fußballfans kennen vielleicht noch den VfL, der sich gerade müht, in die zweite Liga aufzusteigen. Deutschlandfunk-Hörern ist aus der Presseschau vielleicht das notorische Politikerinterview der Neuen Osnabrücker Zeitung ein Begriff. Im Anschluss an die 350-Jahr-Feier des Westfälischen Friedens war Osnabrück kurzfristig sogar die heimliche Weltfriedenshauptstadt. Doch zum Image reichte all das nicht - übrig blieb wieder nur das Label, das Vermarktern gesichts- und namenloser Ansiedlungen stets in den Sinn kommt: »Von Einkauf bis Bummel - Osnabrück freut sich auf Sie!«
Die Stadt ist ein rätselhaftes Ensemble aus Eigensinn
Freie Stadtluft vielleicht? Ach! Fragt man irgendeinen Osnabrücker, so sagt er, der Osnabrücker sei stur. Es dauere Monate, bis er mit einem Fremden auch nur rede. Ebenso spröde ist Osnabrück, mit knapp 160 000 Einwohnern weder Groß- noch Kleinstadt. Den Bahnreisenden entlässt ein Bahnhofsgebäude, dessen Flügel in einem unverständlichen Winkel zueinander stehen, als fahre die Eisenbahn hier um eine Ecke. Furchterregende Klötze, ein Parkhaus, ein Kino, zwei Fitness-Institute beschatten den Bahnhofsvorplatz. Die Orientierung in den krummen Altstadtgassen misslingt. Das kühne ästhetische Durcheinander der Baustile frappiert selbst den Wohlmeinendsten. Die Nachkriegsbauherren - Osnabrück war weitgehend zerbombt - konnten ohne Beschränkung durch stadtplanerische Absicht bauen. Und das neue Osnabrück entstand als rätselhaftes Ensemble, kombiniert aus Zitierlust und Eigensinn.
Eigensinn? Es gibt wohl keine deutsche Stadt, deren Radfahrer ihren Drahtesel braver durch die vielen Fußgängerzonen schieben. Das mag an der umfassenden Kontrolle liegen. Selten sieht man anderswo in Gotteshäusern kameraüberwachte Stände mit religiöser Erbauungsliteratur. »Kiss and go!« lautet die witzige, aber bitterernst gemeinte Aufforderung an Autofahrer am Bahnhofsvorplatz, sich schnell zu verabschieden und abzuhauen. Und ist nicht Osnabrück die Metropole der deutschen Radarüberwachung (550 amtliche Messstellen im Kreis)? Zügelung, Mäßigung sind dem Osnabrücker nicht angeboren. Nur beigebogen.
Aber wenigstens Feste, Events, Kultur! Große Namen! Extravaganzen! Und die notorischen Verlockungen der Osnabrücker Nacht ...! Ist das die Verheißung? Nichts von alledem! Die Innenstadt beherbergt Geschäfte wie Douglas, Schlecker und Ihr Platz (übrigens ein Osnabrücker Unternehmen), Bewohner, die um 22 Uhr ihre Ruhe haben wollen, und etwa sieben Penner (»Schreib: Nichtsesshafte!«). Die trinken Dosenbier am Heger Tor zwischen den Gaststätten Deutsches Haus und Peitsche (»Warum ich so zufrieden bin? Zieh Leine, Mann!«). Nicht einmal die immerhin 11 000 Studenten hinterlassen irgendwelche nennenswerte Spuren in der Stadt. Wer in Osnabrück studiert, will in kleinen Seminaren beim lieben Professor mit viel Zeit viel lernen. Bloß nichts erleben! Manfred Mann's Earth Band war neulich hier, ja. Für Herbert Grönemeyer jedoch muss man in die Großstadt: nach Bremen! Einer Ortsansässigen (»Pharmaziebranche, mehr sage ich nicht!«) ließ sich erst nach langem und hartnäckigem Bedrängen ein original Osnabrücker Event entlocken. Es gebe hier »tolle Autohaus-Partys«.
Und es gab die Aktion »Künstler gestalten Gartenzwerge«. An der Großen Straße zwischen Neumarkt und Dom liegt das Modehaus Lengermann und Trieschmann. Wochenlang lockte es seine Kunden mit bunt bemalten, mannshohen Gartenzwergen, und man meinte es durchaus unironisch, nicht mal augenzwinkernd. Es beteiligten sich die Gesamtschule Schinkel, die beschützende Werkstatt Suttenhausen und Frau Reuter.
Was Osnabrück lehrt: Dem Zufriedenen ist nichts Menschliches peinlich. Man könnte sogar in einer der wichtigsten Einkaufsstraßen, der Johannisstraße, in einem schlabberigen Trainingsanzug Brötchen beim SB-Bäcker kaufen - einfach, weil es erlaubt wäre! Es sind nicht zuletzt die Fassaden, die solche befreiende Stillosigkeit genehmigen: Wo gelber Putz (Tchibo) zu braunrotem Klinker (Jokerplay) und weißen Kacheln (Quick Schuh) passt, wo die »Häusliche Krankenpflege Oma« in Sandstein mit der schwarz-grauen Mosaikkachelung von Douglas harmoniert, da darf man das.
Es gibt Fassaden von befreiender Stillosigkeit
In Bahnhofsnähe, am Ufer der Hase, hat sich auf terrassenförmiger Anlage ein Gastronomieunternehmen etabliert. Das Enchilada mischt spanische Finca- und bayerische Biergarten-Stilelemente mit Palmen und Happy Hour. Ein Ort des Dösens, der Besinnung. Nach zwei Caipirinhas mit Elke (37) und Verena (Krankenkasse) versteht der Fremdling: Osnabrück ist leer im positiven Sinn. Diese Stadt sucht kein Image, keine Touristen, keine Highlights. Sie interessiert sich nicht für Umfrageergebnisse, die wissen wollen, dass die Mehrheit der Deutschen niemals in Osnabrück leben wollte, nicht einmal zu Besuch. Osnabrück sucht die Mehrheit nicht. Und obwohl die Stadt an der Hase immer etwas schläfrig wirkt, ist sie doch keineswegs, wie die Neue Zürcher Zeitung einmal säuselte, ein »schlummerndes Dornröschen«. Sie ruht! In sich! In Osnabrück leben heißt Zen praktizieren. Der Weg zur Zufriedenheit heißt Zendo. Oder so: Osdo.
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- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.05.2003 Nr.20
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