Gelingt es einer Elegie, wirklich elegisch zu sein, dann schwingt in ihr etwas seltsam Unbestimmtes mit: die Freude am Augenblick und das gleichzeitige Wissen um seine Vergänglichkeit. Feierliche Betrachtung, aber auch Resignation und verhaltene Klage. Das Elegische ist ein emotionaler Zwitter, stets bedrängt von Sentimentalität und Selbstmitleid, seinen etwas ordinären Verwandten. Vielleicht ist es die Schwierigste aller Tonlagen. In seinen besten Momenten ist Spike Lees 25 Stunden eine elegische Annäherung an New York. In diesem Film erscheint die Stadt im Aggregatzustand eines einzigen langen, melancholischen Abschieds; und dass in ihrer Mitte ein großes, schwarzes, hässliches Loch klafft, macht die Sache für den Helden nicht einfacher.

Monty Brogan heißt der Mann, der sich von New York, von seiner Freundin, seinen Kumpels, seiner Wohnung und seinem gesamten bisherigen Leben lösen muss: Genau 24 Stunden bleiben ihm bis zum Antritt einer siebenjährigen Haftstrafe, über deren zerstörerische Folgen er sich keine Illusionen macht. Dass die Stadt, durch die er zum letzten Mal als freier, wohlhabender Mann schreitet, zutiefst versehrt ist, scheint Montys Zuneigung und auch seinen Hass auf sie zu verstärken. Einmal, als er morgens vor dem Spiegel nicht mehr weiß, wohin mit seiner Verzweiflung, entlädt sich alle Angst und Anspannung in einem wüsten Monolog, der allen Einwohnern und Lebensformen New Yorks ein zorniges "Fuck you" entgegenschleudert – den pakistanischen Taxifahrern, deren nuschelndes Englisch keiner versteht, und den reichen gelifteten Ladies von der Upper East Side. Den Lederschwulen, den Muslimen, Juden, Farbigen und Italienern, kurz: dem ganzen Ghetto-, Ethno-, Nischen- und Minderheitengewurschtel, das zusammen New York ergibt.

Edward Norton spielt Brogan mit dem milden Blick eines fast schon Todgeweihten, der seine letzten Begegnungen auswählt, die Stunden zählt und bedächtig seinen Nachlass ordnet. Am berührendsten sind aber nicht die großen Gesten und Abschiedsworte, sondern die Leerstellen und stummen Pausen in diesem Countdown und Klagelied. Wenn Monty mit seinem Hund auf einer Bank sitzt und auf den Hudson blickt. Wenn er seine alte Schule besucht, durch den Park spaziert, wo er seine Freundin zum ersten Mal traf, und die Stadt zu einer Erinnerungslandschaft wird. Wenn er mit seinen beiden besten Freunden an der Bar sitzt und alle betreten in ihre Drinks blicken. Irgendwie schade, dass dieser treue Freund und angenehme, kultivierte Mensch, dass dieser nette Typ, der seinem Vater eine Kneipe und seiner Freundin ein sorgenfreies Leben finanziert, ein großkalibriger Drogendealer ist.

Ins Gefängnis geht Monty nämlich, weil das FBI unter den Polstern seines exquisiten Ledersofas einen riesigen Haufen praller Plastikbeutel mit einem schneeweißen Pulver gefunden hat. Die schöne Wohnung mit den vielen Kunstdrucken, die Latino-Freundin mit dem verständnisvollen Lächeln, Montys tolle Limousine und seine cool den Körper entlang fließenden Klamotten – alles erkauft mit dem Geld der von Schwären übersäten Zombies, die ihn bei seinen Spaziergängen um einen Gratisschuss anbetteln. Dass es also eine recht rücksichtslose Lebensform ist, von dem sich dieser Held verabschiedet, verleiht Lees New-York-Elegie in manchen Momenten etwas angenehm Nüchternes. Die Verzagtheit einer Stadt, die ihre Erschütterungen mit einem zwielichtigen Helden teilt, und der Schwermut eines Mannes, der ein allerletztes Mal das Revier seines Lebens abschreitet – über diese Stimmungen einer noch wie in Watte gepackten Endzeit legt Lee dann allerdings doch die große Orgel des 11. September. Es spricht nichts dagegen, einen Film den Männern der Brandbrigade Rescue 5 zu widmen und im Vorspann mit zwei Lichtsäulen der zerstörten Türme zu gedenken. Es mag gut gemeint sein, mit keltischen Trauerklängen ausgiebig an die Heldentaten der größtenteils irischen Feuerwehrmänner zu erinnern – aber alles zusammen verdichtet sich zu einer Friedhofsfolklore von wohlmeinender Penetranz.

Dabei gibt es in 25 Stunden eine Szene, in der die New Yorker Synthese aus urbanem Metropolenalltag und unfassbarer Katastrophe eine seltsame Beklemmung auslöst: Brogans Freunde, der Lehrer Jacob (Philipp Seymor Hoffman) und der Börsianer Frank Slaughtery (Barry Pepper), treffen sich in Franks Apartment auf ein Vorabendbierchen. Als die beiden zum Fenster gehen, klafft unter ihnen völlig unvermittelt der fürchterliche Schlund von Ground Zero. Zwischen einzelnen Bierschlucken und mit einer Vertrautheit, die nur langjährige Freunde haben können, sprechen sie über diese Aussicht, die giftigen Ausdünstungen des Schutthaufens und über das, was ihrem besten Kumpel im Gefängnis bevorsteht. "It’s all over", sagt Slaughtery und starrt auf seine Bierflasche.

Es hat Spike Lee nicht gereicht, den ersten Spielfilm zu drehen, in dem die Befindlichkeit der Stadt nach dem 11. September reflektiert wird, er hat seinen Film auch mit einem Haufen kleiner Fähnchen versehen, die uns immer wieder auf diese Tatsache stoßen – vielleicht die generelle Schwäche eines Regisseurs, der die Botschaften seiner Filme stets gern mit dem moralischen Nudelholz ausgewalzt hat. Auch in 25 Stunden wird erzählt bis zum Bedeutungskollaps. Erst wenn alle Fäden verbunden, alle Wege gekreuzt und alle Fragen gelöst sind, wird Monty Brogan ins Gefängnis gehen. Lee rehabilitiert ihn als den Menschen, der eine Schuld auf sich nimmt und erkennen muss, dass er seine Strafe verdient hat. In einer fantasmagorischen Szene schickt ihm New York all die Communities, die er bei seinem anfänglichen Hassausbruch noch zur Hölle schicken wollte, zum versöhnlichen Lebewohl hinterher. Dabei bestand das Elegische von Spike Lees Film ursprünglich in Brogans Gewissheit, dass New York, die harte, gleichgültige, verrückte Stadt, immer bleiben wird, auch wenn er selbst daraus verschwindet. In der traurigen, aber halt auch tröstlichen Erkenntnis, dass es dieser versehrten, doch niemals umzubringenden Metropole trotz der Melancholie ihres Betrachters vollkommen schnuppe ist, wenn ein verwöhnter kleiner Dealer für ein paar Jahre von ihr Abschied nimmt.