Adel verzichtet

Die St. Petersburger Aristokraten leben bescheiden. Sie besinnen sich auf ihre Herkunft und erforschen vergessene Familiengeschichten von 

Den Tag des Sieges verbrachte Fürst Gagarin auch in diesem Jahr so, wie sich der bürgerliche westeuropäische Tourist die Feiertagsgestaltung eines russischen Aristokraten vorstellt: Andrej Petrowitsch fuhr zur Vogeljagd aufs Land. In aller Herrgottsfrühe muss er wohl die Treppen seines Palastes hinabgestiegen sein, ein alter, goldbetresster Lakai wischte ihm im Vorübergehen schnell noch ein Stäubchen vom Pelzkragen, ein anderer riss dienstfertig den Schlag der Kutsche auf, Andrej Petrowitsch ließ sich in die Polster fallen, und rasselnd setzte die fürstliche Entourage sich in Richtung Stadtrand in Bewegung. Nahm sie den Weg entlang der Fontanka, vorbei am Scheremetewpalast? Oder entlang der Moika, vorbei am Palais Jussupow, wo der Wunderheiler Rasputin einst von den Widersachern Zar Nikolajs II. ermordet wurde? Die westeuropäischen Touristen wissen es nicht so genau, aber lebhaft ausmalen können sie sich die Szenerie doch, denn sie haben ihren Reiseführer gründlich studiert, und dort steht, dass in St. Petersburg neuerdings wieder der Adel tanze, winters im städtischen Anitschkowpalast, sommers im Katharinenpalast von Zarskoje Selo. Zum Beweis sieht man das Foto eines pompösen Spiegelsaales, worin Damen in tortenartigen weißseidenen Krinolinenkleidern am Arm strammer Herren in Gala-Uniform zum Tanz schreiten.

Der Adelsmarschall fährt zur Jagd wie andere Russen auch

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Überhaupt ist jetzt viel von der neuen alten Pracht der Zarenstadt die Rede.

So gründlich jedenfalls, wie man kurz vor Beginn des Jubiläumsrummels noch die Reiterstandbilder und die Türklinken einstiger Adelsresidenzen polierte, so beharrlich übt man sich auch im Aufzählen klangvoller Familiennamen. Die Gänge der Peter-Paul-Kathedrale sind mit den Konterfeis jener hochwohlgeborenen Herrschaften tapeziert, die sich 1998 zur Heimholung der Gebeine der letzten, von den Bolschewiki erschossenen Zarenfamilie in die Großfürstengruft einfanden - und im Mariinskij-Theater läuft Krieg und Frieden, die Opernversion von Tolstojs voluminösem Schicksalsroman über zwei noble Familien am Beginn des 19. Jahrhunderts. Wohin man schaut, ist die Lust am Affektierten, ist die Freude am Ornament ausgebrochen, und der offizielle Jubiläumsfilm, Alexander Sokurows Russian Ark, steigert die spätfeudale Marotte ins Unerträgliche: Nicht enden wollende neunzig Minuten lang rast eine Horde aufgedonnerter Darsteller durch die heiligen Hallen der Eremitage.

Im Mai 2003 macht St. Petersburg den Eindruck, als wollten seine Bewohner schleunigst vergessen, dass es jemals Leningrad geheißen hat. Wenn am Tag der Werktätigen eine einzelne rote Fahne kläglich vor der Statue des Zaren Nikolaj I. aufflattert, wenn am Tag des Sieges der Begriff Rote Armee von fast allen Zeitungen peinlich vermieden wird, dann ist es, als sei ein Dreivierteljahrhundert Staatssozialismus bloß eine kleine Blamage gewesen, die man mit Nonchalance überspielen könne, eine versehentliche Unterbrechung illustrer Bälle, Jagdgesellschaften und Duelle. Es ist, als wolle St.

Petersburg sich und seinen Besuchern einreden, dass hinter den hohen Fenstern der Paläste wieder üppig diniert werde, dass Fürst Gagarin mit der Kutsche durch die Gegend fahre und demzufolge die Welt im Lot sei.

Nun fährt der Adelsmarschall Andrej Petrowitsch in Wahrheit jedoch so unspektakulär zur Jagd wie viele andere Russen auch. Das Adelsprädikat war noch nie gleichbedeutend mit Reichtum: Es gab den armen Landadel und den feisten städtischen Dienstadel, es gab Dichter wie Puschkin und emporgekommene Kaufleute, allein sechs formelle Adelsgrade und daneben unzählige Varianten adligen Selbstverständnisses - von dem, was wir heute Geldadel nennen würden, bis hin zu romantisch inspiriertem Seelenadel. Das alles sollte 1917 passé sein, als Lenin und seine Mitstreiter die Abschaffung des ersten Standes beschlossen. Weil etliche angesehene Familien daraufhin emigrierten, hat man sich angewöhnt, bei russischem Adel automatisch an Paris, Berlin und London zu denken.

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