Antwerpen

Der Stuhl, auf dem der burgemeester von Antwerpen thront, ist aus dem "Baum der Freiheit" gezimmert. Der zierte einst den malerischen Rathausplatz, etwa dort, wo heute der Brabo-Brunnen mit jenem athletischen Handwerfer plätschert, der Flanderns Metropole angeblich den Namen gab. Seit vergangenem Freitag sitzt der sozialistische Neuerer Patrick Janssens auf diesem "Stuhl der Freiheit", der plötzlich neu besetzt werden musste, weil sich eine Vielparteienkoalition im gementehuis durch allerlei Skandale zum kollektiven Rücktritt gezwungen sah. Die Lokalmatadore des rechtspopulistischen Vlams Blok lachten sich ins Fäustchen. Sie hatten es ja immer gesagt: alle korrupt, alle nur am eigenen Wohl interessiert – alle nur einig, wenn es darum geht, einen "Blokker" als Bürgermeister zu verhindern.

Schon am kommenden Sonntag hat der Wähler in Antwerpen die Möglichkeit, den ganzen Vorgang per Stimmzettel zu bewerten. Dann nämlich küren die Belgier ihr nationales Parlament neu. Bleibt der flämische Liberale Guy Verhofstadt Premierminister? Die Umfragen lassen allerlei Varianten und Spekulationen zu. In Antwerpen freilich, das in vieler Hinsicht eine Miniausgabe des belgischen Königreiches ist, interessiert vor allem eine Frage: Kann der Vlams Blok seinen steilen Aufstieg fortsetzen? Vor zwei Jahren wurde er bei den Gemeindewahlen an der Schelde mit 33 Prozent stärkste Partei. Allein ein Cordon sanitaire aller anderen Parteien hinderte ihren Chef Filip Dewinter daran, dort Platz zu nehmen, wo jetzt Patrick Janssens sitzt.

Immer wie aus dem Ei gepellt

Vor vier Jahren kamen Dewinters "Blokker" bei den nationalen Wahlen auf 15 Prozent Stimmanteil, genauso viel, wie die damals am Boden liegenden Sozialisten erreichten. Jetzt sehen die Umfragen die Populisten bei mindestens 17 Prozent. Und der Cordon sanitaire zeigt Risse. Mancher Liberale oder Christdemokrat räsoniert schon mal laut: Ob es nicht an der Zeit sei, diesen eloquenten Dewinter, der immer wie aus dem Ei gepellt aussieht, durch eine Regierungsbeteiligung zu entzaubern. Denn dann werde er zeigen müssen, ob er außer scharfen Sprüchen auch harte Entscheidungen zuwege bringen kann.

Ein Maitag in Antwerpen: Ein Hauch von Italien liegt über der Stadt mit ihrem Renaissance-Rathaus. Antwerpen wirkt so weltoffen und entspannt, wie es die Hochglanzbroschüren der Reisebüros anpreisen. Es ist das Zentrum der neuen Mode eines Walter van Beirendonck und Dries van Noten. Schaufenster der neuen Loft-Architektur, wie sie am Schelde-Ufer zu bewundern ist. Längs der Pelikaanstraat ist die Stadt jüdisch geprägt, orientalisch im Stadtteil Borgerhout gleich hinterm Bahnhof. Antwerpen ist eine reiche Stadt, vor allem durch den Diamantenhandel (Umschlagplatz Nummer eins weltweit) und durch seinen Hafen (Nummer zwei in Europa). Wie passt das alles mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten zusammen? Tuur Van Wallendael, der bärtige Altsozialist, Gemeinderat für " sociale zaken", federführend bei der Aufdeckung der jüngsten Verwaltungsskandale, blickt seufzend aus dem Fenster des alten Kontorhauses am Rathaus. "In den guten alten Zeiten des Marxismus wäre das alles leichter zu erklären gewesen", sagt er ironisch. Mit Klassenhass, Rache der Armen und Zukurzgekommenen gegen reiche Juden und modische Avantgardisten habe der Erfolg der Rechten kaum etwas zu tun.

Hubschrauber knattern überm Dach

Laut Van Wallendael wurden die Ursünden in den sechziger Jahren begangen, als sich die Stadt bis über die Halskrause verschuldete. "Bis 2020 kostet uns das allein über 100 Millionen Euro für die Rückzahlung an die Banken, da bleibt nicht viel übrig für neue Politik." Als die ersten Türken und Marokkaner ins Land geholt wurden, "waren wir, in der proletarischen Hochburg Flanderns, darauf überhaupt nicht vorbereitet. Eine Schande. Wir gaben ihnen schmutzige Arbeit, die keiner mehr wollte, und sahen nur die Malocher, aber nicht die künftigen Bürger."