Es war eine Anklage, die als Hilferuf gelesen werden muss. Als Hilferuf der Musikindustrie an ihre Kunden. Als Hilferuf an die ganze Welt.

Die größten Musikkonzerne, von Universal bis Sony, haben im April vier amerikanische Studenten auf 98 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Einer von ihnen ist Daniel Peng. Unter dem Aktenzeichen 03-1441(SRC) wurde ihm vorgeworfen, er habe "ein universitäres Computernetz in seine Gewalt gebracht". Tatsächlich hatte Peng eine kleine Suchmaschine entwickelt, die anzeigte, auf welchen Rechnern der Universität Princeton die Musik von Christina Aguilera, Madonna und anderen Sängern gespeichert war. Jeder auf dem Campus konnte mühelos auf die Titel zugreifen und sie kopieren. Tausendfach. Illegal.

Orten. Speichern. Anhören. Das ist für immer mehr Menschen die zeitgemäße Form, Musik zu konsumieren. Die Musikmanager suchten ein Patentrezept, wie man damit Geld verdienen kann, doch sie fanden keines. Das Ende der Industrie schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Bis vor zwei Wochen. Da stellte Steve Jobs, Chef der Computerfirma Apple, seinen iTunes Music Store vor, ein legales Online-Angebot. Und gleich in der ersten Woche verkaufte er eine Million Musikstücke. Die Verkaufszahlen bekommen noch mehr Gewicht, bedenkt man, dass derzeit nur die etwa drei Millionen amerikanischen Apple-Besitzer, die mit dem neuesten Betriebssystem arbeiten, auf den Music Store zugreifen können. Vieles spricht dafür, dass Steve Jobs das Musik-Vertriebsmodell des 21. Jahrhunderts gefunden hat.

In Apples Musikladen finden Surfer die Musik der fünf größten Musikfirmen. Für 99 US-Cent pro Song oder 9,99 Dollar pro Album – die Musikkonzerne erhalten zwei Drittel dieses Geldes – können die Fans aus derzeit gut 200000 Stücken wählen und jedes Lied vor dem Kauf 30 Sekunden kostenlos anhören. Der Kunde registriert sich mit seiner EMail-Adresse, gibt einmal die Daten seiner Kreditkarte ein und kauft fortan mit einem Mausklick. "Der Dienst ist simpel und funktioniert absolut intuitiv", lobt Tim Renner, der Chef der deutschen Tochtergesellschaft des Weltmarktführers Universal. Die gekauften Stücke reiht man in seine Musiksammlung auf dem Computer ein und kann sie beliebig mit anderen (legal oder illegal kopierten) Songs kombinieren und auf CD brennen oder auch auf den iPod, Apples tragbares Abspielgerät, überspielen.

Computer, Programme, Musikdateien und Abspielgerät von einem Hersteller: Jobs nennt es das "erste wirklich vollständige Ökosystem für das digitale Musikzeitalter". Hinzu kommt, dass Apple in den USA nur einen Marktanteil von fünf Prozent hält, weltweit sind es sogar nur drei Prozent. Genau das hatten die Musikkonzerne gesucht: einen überschaubaren Markt zum Experimentieren. Derzeit arbeitet Apple daran, sein Modell in diesem Jahr noch auf Europa zu übertragen.

Nichts fürchten die Manager mehr, als die Kontrolle darüber zu verlieren, wer zu welchem Preis Musik hören darf. Das ist der Kern ihres traditionellen Geschäftsmodells. Wohin dieser Anspruch führen kann, zeigen zwei Prozesse aus den vergangenen Jahren. Sowohl die US-Wettbewerbsbehörde als auch 40 Bundesstaaten haben den größten Plattenkonzernen vorgeworfen, sie hätten ein Kartell gebildet und die Preise für CDs nach oben getrieben. Um die Sache schnell aus der Welt zu schaffen, haben die Unternehmen in beiden Fällen einen Vergleich geschlossen und hohe Geldbußen akzeptiert – im zweiten Fall betrug die Strafe 143 Millionen Dollar.

Eine Absprache untereinander ist einfach, weil die amerikanischen Firmen Universal und Warner, die britische EMI, die japanische Sony Music und die deutsche Bertelsmann Music Group (BMG) gemeinsam rund 80 Prozent des Weltmarktes beherrschen. Dieses klassische Oligopol könnte noch kleiner werden, wenn aus den aktuellen Gesprächen zwischen BMG und Warner in den kommenden Wochen eine Fusion wird.