Buenos Aires

Selbstverständlich wähle ich peronistisch", sagt der arbeitslose Kellner Francisco Colman. "Peronismus ist eine Familientradition. Meine Eltern und Großeltern waren auch Peronisten." Er lebt in einer Bretterbude auf einem Stück Land, das zuvor als Schutthalde diente. Zwei Köter räkeln sich auf dem Lehmboden. Ein schmuddeliges Huhn flattert aus der Küche. Hinter einem Vorhang befindet sich das Schlafzimmer der vier Kinder, hinter einem zweiten das Ehegemach. Die Frau ist von einem Augenleiden verunstaltet. In Colmans sonst blendend weißen Zähnen klafft ein schwarzes Loch. Seit er seinen Schneidezahn verlor, sagt er, finde er keine Anstellung mehr.

Acht Millionen Menschen, vierzig Prozent der Wähler in Argentinien, leben wie der Bretterbudenmann in Slums oder in von Arbeitslosigkeit und Armut geplagten Industrievororten, welche die elegante Hauptstadt wie ein Belagerungsring einschließen.

Was bedeutet es, Peronist zu sein? Colman zögert. "Ich weiß es nicht", gesteht er: "Eigentlich bedeutet es alles und nichts."

Ein paar Straßenzüge weiter lebt Louis D’Eliah in ansehnlicheren Umständen. Er bellt in ein Mobiltelefon, als sei es ein Walkie-Talkie. Er ist Abgeordneter im Provinzparlament des Großraums Buenos Aires und Anführer der Piqueteros. Die Piqueteros, die "Streitkämpfer", sind das Schreckgespenst der Bürgerlichen. Vermummt und mit Stöckchen bewaffnet, blockieren sie die großen Einfallsstraßen der Stadt und lassen den Verkehr erst wieder fließen, wenn die Regierung ihnen Geld und Lebensmittel zur öffentlichen Verteilung zugesteht. Hier, in der Vorstadt La Matanza, verteilen sie in 68 Zentren Lebensmittel und betreiben 300 Gemeinschaftsküchen. Sie sind zu Helden der internationalen Antiglobalisierungsbewegung avanciert. Die sieht in den Aktivitäten der argentinischen Robin Hoods einen "Neubeginn für Lateinamerika" und das "Aufblühen autarker und horizontaler Gesellschaftsstrukturen".

D’Eliah stimmte schon in der Vorrunde für den peronistischen Präsidentschaftskandidaten Néstor Kirchner, der jüngsten Umfragen zufolge haushoher Favorit im zweiten Wahlgang ist. Kirchner, seit zwölf Jahren Gouverneur der am Erdöl reich gewordenen Provinz Santa Cruz weit im Süden des Landes, ist alles andere als ein Sozialrevolutionär. Er regiert sein Gouvernement wie ein Feudalherr. Seine Frau ist Senatorin, eine Schwester Ministerin. Nichts läuft in Santa Cruz ohne Kirchners Zustimmung. Die peronistische Partei hält zwei Drittel der Sitze im lokalen Parlament und kontrolliert den einzigen Radio- und Fernsehsender. Auch die sechs unabhängigen Zeitungen der Provinz überschütten Kirchners Regime mit bewundernder Hingabe. Vor dem Kollaps des Peso Ende 2001 rettete der Gouverneur den Wohlstand seines Reiches, indem er eine halbe Milliarde Dollar aus dem Provinzetat nach Luxemburg überwies. Auf eigene Faust, versteht sich. Öffentliche Gaben an treue Wähler werden akribisch aufgelistet, bis hin zu "1000 Dollar für Tennisstunden in Miami".

Prinzipien? Interessieren nicht

Im Wahlkampf sagt Kirchner nicht viel. Er hält keine Reden und gibt keine Pressekonferenzen. Stattdessen reist er ins Ausland und besucht die populären Präsidenten Brasiliens und Chiles, als sei er selbst bereits gewähltes Staatsoberhaupt. Von seinen Hintermännern lässt sich immerhin erfahren, wohin es unter seiner Präsidentschaft gehen soll. Da ist die Rede von einem "schlanken Staat", von "Entbürokratisierung", von mit privatem Kapital finanzierten Straßenbau- und Infrastrukturprojekten zur Arbeitsbeschaffung. Wo das Kapital herkommen soll und wie die unausbleiblichen Widerstände überwunden werden sollen, dazu gibt es keine Auskünfte.