Verstreut in einem schlichten Versammlungsraum der St. Jean Baptiste Church in Manhattan, sitzt ein Dutzend müder Werktagsgestalten. Feierabendlich blass, aber mit aufmerksamen Gesichtern lauschen sie der Karrieretrainerin Deborah Roth, die schon bald die entscheidende Frage stellt: Hat irgendjemand hier Spaß daran, mitten in wirtschaftlichen Krisenzeiten den Beruf zu wechseln?

Schweigen, Glucksen, dann hebt eine dunkelhaarige Frau von Mitte vierzig die Hand. "Es ist ein Fluch und ein Segen gleichzeitig", sagt sie und lacht verlegen. Seit Jahren hasse sie ihren Job als Assistant Manager bei einer Bank, aber sie habe es nicht fertig gebracht zu kündigen. Der Boss nahm ihr die Entscheidung aus der Hand – er entließ sie, zusammen mit einer Reihe weiterer Einsparungsopfer. "Da dachte ich insgeheim: Gott sei Dank", sagt sie. Die Abfindung ermöglicht es ihr, ein paar Wochen darüber nachzudenken, was sie als Nächstes machen will.

Mehr als zwei Drittel aller Amerikaner sind nach Angaben des US-Arbeitsministeriums mit ihrer Arbeit nicht zufrieden. Über 40 Prozent haben einen anderen Beruf als den, für den sie ursprünglich ausgebildet wurden. Und viele denken darüber nach, noch einmal etwas komplett Neues zu beginnen.

Markt für Karrieretrainer

"Immer mehr Menschen wollen mit ihrem Job nicht mehr nur Geld verdienen, sondern das Gefühl haben, dass sie etwas von sich persönlich dort einbringen können", sagt Laura Fortgang, die seit zehn Jahren als Career Coach arbeitet. Zwar sei das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung im Arbeitsleben nichts Neues, aber in den letzten Jahren sei eine andere Entwicklung hinzugekommen. "Früher musste man gewisse gesellschaftlich vorgegebene Erwartungen erfüllen, um es geschafft zu haben: viel Geld verdienen, ein schönes Zuhause haben und die Kinder auf eine gute Schule schicken", sagt sie. Heute könne jeder für sich selbst definieren, was Erfolg für ihn bedeute.

Die Idee, sich nach einer ersten Karriere noch einmal völlig umzuorientieren, ist in den USA nahezu normal. Aber auch die Deutschen gewöhnen sich zunehmend an den Gedanken. Nur 15 Prozent aller Bundesbürger sind laut einer Gallup-Studie bei ihrer Arbeit wirklich engagiert. Von denen, die eine Ausbildung absolviert haben, wechseln 36 Prozent früher oder später ihren Beruf. Die hohe Arbeitslosigkeit verstärkt die Entwicklung. "Für diejenigen, die nach einer Entlassung eine Abfindung bekommen, ist die Selbstständigkeit oft die natürliche Konsequenz", sagt die Karriereberaterin Sonja Becker, die den deutschen Bereich der US-Beratungsfirma Sage Innovations in München führt. Hier werden Gruppenseminare zu Themen wie What to do with the rest of your life, aber auch Einzelberatungen angeboten.

Vor Jahren fiel Becker in einem Seminar ein junger Mann auf, der herausfinden wollte, was er wirklich vom Leben erwartete. Bisher hatte er an verschiedenen Bildungseinrichtungen gearbeitet. Seine wahre Leidenschaft aber, so stellte sich heraus, war die Politik. Als sie ihn lange Zeit später im Fernsehen wiedersah, wusste sie, dass er aus seiner Leidenschaft einen Beruf gemacht hatte: Winfried Hermann ist jetzt Mitglied der Grünen im Bundestag.

Ein Szenenwechsel wie dieser sei schon herb, sagt Hermann. Schließlich werde es niemandem leicht gemacht, in einen neuen Bereich einzusteigen. "Wenn man als Neuer irgendwo rein will, wird einem signalisiert: Wir sind schon genug hier."