Die Stadt braucht die Dunkelheit. In der endlosen Nacht des Winters entfaltet St. Petersburg einen besonderen Zauber, die Realität erscheint als ein Traum.

Doch an den lichten Tagen dieses Monats Mai bleibt Bewohnern und Besuchern keine Chance, dem Chaos aus Baustellen, gesperrten Straßen und Sonderpolizei zu entgehen. Der Kalkstaub auf den Schuhen kündigt ein großes Fest an, vor dem die meisten der Petersburger mit Schrecken fliehen wollen: Am 27. Mai feiert die Stadt ihre Gründung vor 300 Jahren.

Vier Tage später wird Russlands Präsident Wladimir Putin in der einst imperialen Hauptstadt die Parade der ausländischen Präsidenten und Regierungschefs abnehmen. Mehr als 100 Flugzeuge aus 45 Ländern werden zu diesem beispiellosen Weltgipfeltreffen zwischen den Staatsführern der G-8-Staaten, der Europäischen Union, ihrer Anwärterländer und der Exsowjetrepubliken erwartet. Alle zehn Minuten landet eines der Flugzeuge laut Luftbrückenplan auf dem Flughafen, der tagelang für den Linienverkehr gesperrt bleibt. Hotelschiffe für die Delegationen sind am Englischen Kai vertäut, um den Mangel an nicht durchgelegenen Gästebetten auszugleichen. Das riesige PR-Ereignis soll mit frisch geweißten Fassaden das Interesse der Investoren weltweit auf St. Petersburg lenken. Zunächst aber legt es die Stadt lahm.

St. Petersburg, das einst als Zentralkulisse eines modernisierten Russischen Reiches aus dem Schlamm der Newa gestemmt wurde, braucht seine Untertanen nicht mal mehr zur Dekoration. Die 300-Jahr-Feier erinnert an die Olympischen Spiele 1980, die in einem verordnet menschenfreien Moskau stattfanden. Die Professoren nehmen ihre Prüfungen an den Universitäten bereits Mitte Mai ab, und das Schuljahr endet früher. Polizisten kündigen Bewohnern der östlichen Wassilij-Insel für die Tage der Feiern Hausarrest mit Ausgehzeiten morgens und abends an. Die Stadtverwaltung legt den Bürgern einen Datscha-Urlaub nahe. Die oppositionserprobten Petersburger schimpfen. Sie wittern eine Show der Regierenden, an der sie nur teilhaben dürfen, wenn ihnen unter den Baugerüsten ein Farbklecks auf die Jacke spritzt.

Nina Alexejewna könnte eher ein Steinbrocken auf den Kopf fallen, wenn sie nach Hause zurückkehrt. Sie wohnt in einem typischen St. Petersburger Backsteinbau, dessen gewaltige Mauern vier schluchtgleiche Innenhöfe umschließen. 1914 wurde das Haus in der Nekrassow-Straße gebaut. Seitdem hat kein Handwerker die Außenwände bearbeitet. Die ornamentalen Figuren an den Fassaden sind abgeplatzt, und manche der Balkons neigen sich zum Bürgersteig hin. Das Schutzgitter über den Köpfen der Passanten, auf dem sich Steinstücke und Mörtelplatten sammeln, erweckt nur bedingt Vertrauen. Es zieht sich zwar rund um das Haus, doch an vielen Stellen ist es verrostet und eingerissen.

Geld und Farbe reichen nicht für die Rückseiten der Gebäude

An Ninas Wohnungstür hängen vier Klingelknöpfe - für einige Nachbarn in der Kommunalka, wie die kommunalen Gemeinschaftswohnungen heißen. Im verwinkelten Flur läuft ihr Sohn Andrej Rollschuh. "Hier herrscht jetzt Anarchie", sagt Nina mit leichtem Triumph. Das Regiment der alten Frauen, die mit keifenden Stimmen den Kindern jede Bewegung verboten, hat sie auf ihren 27 Quadratmetern ausgesessen und überlebt. Jüngere sind in die sechs anderen Räume nachgezogen. Ninas Zimmer liegt links der Wohnungstür, mit Stuck, Wasserflecken und einem Muster aus Rissen an der Decke, aus dem auch manchmal Putz herabrieselt. Über ihre 28 Jahre in der Kommunalka weiß sie viel zu erzählen, sobald der Tee aufgegossen ist. Zum Jubiläum fällt ihr nur ein Satz ein: "Das ist eine Feier für die Beamten und Ausländer, aber nicht für die Menschen der Stadt."