Flötisten sind oft schwer erträglich. Wie Vibrafonisten oder Virtuosen an der akustischen Gitarre, so rein, so schnell und luftig. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Ohne Haken, widerstandslos. Umso verblüffender, wie sich die Musik von Malik Mezzadri festsetzt. Beinahe vergisst man, dass er Flöte spielt. Und doch ist er kein Klangverfremder, bläst geradewegs auf die Melodie zu, redet ernsthaft über dem Luftstrom, wispert und murmelt den Tönen kleine Koseworte zu. Das erinnert an den großen Multiinstrumentalisten Rahsaan Roland Kirk, den der 33-jährige Franzose auch gebührend verehrt, und bleibt dem Gesamtklang doch stärker verbunden - Mezzadri ist nur ein Fünftel des Magic Malik Orchestras.

Von der üblichen Klage und Frage, wohin mit dieser Musik, kann hier keine Rede sein. Das ist Jazz, ganz eindeutig, und ist doch von jener Stilvielfalt, die einer im Kopf hat, wenn er 1969 in Guadeloupe mit einer französischen Mutter und einem afrikanischen Vater aufwächst, Xenakis, Bach und Ravel liebt, in Marseille Musik studiert, nach Paris geht und dort in verschiedenen Gruppen spielt, die sich Human Spirit, Equilibriste oder Gambit nennen. Da legen sich Drum-'n'-Bass-Schlieren unter die Melodien, wiederholen sich die minimalen Muster aus Glass-Menagerien oder ziehen impressionistische Keyboard-Schleier durch Stücke, deren Titel man nur schwer behält. Er hat es nicht mit den Namen, und so nennt er das neue Doppelalbum 00-237 XP-I, wie er den hoch gelobten Vorgänger vor zwei Jahren 69-96 nannte, nach seinem Geburtsjahr und dem seiner Tochter (Label Bleu 6662/63, Vertrieb: Sunny Moon). Zwei CDs enthält diese schwarzweiße Papphülle mit dem großen gelben Punkt, helle Tages- und dunkle Nachtmusik, und wer will, mag auch filmartige Tableaus heraushören, in Irland, in Spanien, in Afrika beheimatet, elegische Melodien über todmüdem Schlagzeug, Corrida-Rufe zu Miles-Davisscher Fusionmusik oder Schalmeien zu rhythmischen Frühnebeln. Mit grandioser Selbstverständlichkeit wechseln Stimmungen und Farben, weniger unvermutet und schräg als die Musik des stilverwandten Engländers Django Bates.

Magic Malik bedeutet auch die Entdeckung des Altsaxofonisten Denis Guivarc'h, des Keyboarders Or Solomon, des Schlagzeugers Maxime Zampieri und vor allem der Bassistin Sarah Murcia. Ein Quintett und doch ein Klanggebräu-Orchester aus dem Geiste der Tijuana Moods eines Charles Mingus, das den Jazz feiert, indem es ihn mit genrefremden Zutaten unterlegt. In Providence, einem Film des französischen Regisseurs Alain Resnais, taucht ein Fußballspieler auf, der durch die Villa läuft. Im Dress, mit Stutzen und Stollen. So wie eine zweite und dritte Welt die erste durchquert. Die Musik von Magic Malik ist von dieser seltsamen Selbstverständlichkeit.