Nun gesteht es auch die Europäische Zentralbank (EZB) offen ein: Mit der Steuerung der Geldmenge lässt sich keine sinnvolle Geldpolitik machen. Deshalb hat sie ihre Strategie überarbeitet und die bisher "herausragende Rolle der Geldmenge" kräftig gestutzt. Viel mehr als ein Erinnerungsposten ist nicht übrig geblieben. Damit vollzieht Euroland mit erheblicher Verspätung den Abschied vom Monetarismus. In den siebziger Jahren galt diese Theorie des Chicagoer Ökonomen Milton Friedman als das Zaubermittel schlechthin im Kampf gegen die Inflation.

Friedmans Ansatz: Läuft zu viel Geld in der Volkswirtschaft um, steigen die Preise. Die Geldmenge darf deshalb nur so schnell wachsen, dass die in jeder Periode zusätzlich produzierten und erstellten Leistungen bezahlt werden können, plus eines Zuschlags für unvermeidliche Inflation. Steigt sie rascher als der so ermittelte Referenzwert, muss die Notenbank die Zinsen erhöhen, und zwar unabhängig davon, wie sich Konjunktur und Beschäftigung entwickeln. Das Problem: Diese Regel ist zu simpel. Langfristig ist der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen trivial, kurzfristig wegen vieler Sondereinflüsse ohne Aussage. Schon Ende der achtziger Jahre verabschiedeten sich deshalb immer mehr Notenbanken von der Geldmengensteuerung als wichtigstem Parameter für ihre Politik. Nur die Deutsche Bundesbank hielt unbeirrt daran fest. Und sie setzte durch, dass dies auch die EZB tat – jedenfalls offiziell. Dabei wussten auch die Bundesbanker, dass die Geldmenge zur kurzfristigen Analyse und Steuerung der Wirtschaft durch einen Konjunkturzyklus hindurch nicht taugt.

Doch das hat die ultrakonservativen Notenbanker nie gestört. Im Gegenteil. Wirtschaftspolitisch hoch umstrittene Zinsentscheidungen rechtfertigten sie stets mit dem Verweis auf die Entwicklung der Geldmenge. Doch kein Außenstehender verstand die Sprache der Geldmengentheorie. Da war dann von Geldlücke und Überschussliquidität die Rede, selten dagegen von Wirtschaftswachstum und so gut wie nie von Arbeitslosigkeit. Und schon gar nicht von einer möglichen Verantwortung der Notenbankpolitik dafür.

Hätte sich die EZB an die reine monetäre Lehre gehalten, wären die Zinsen heute deutlich höher, und die Wirtschaftskrise wäre noch schlimmer. Glücklicherweise haben die europäischen Währungshüter flexibler agiert: Obwohl das Wachstum der Geldmenge seit Mitte 2001 weit über der Zielvorgabe von 4,5 Prozent liegt, hat die EZB die Zinsen deutlich gesenkt. Ganz offensichtlich hat sie in den vergangenen Jahren der ökonomischen Analyse mehr Gewicht beigemessen als der rein monetären.

Ist der jetzt offiziell vollzogene Abschied von der Geldmenge also nur Kosmetik? Nicht ganz. Er verdeutlicht zweierlei: Erstens ist die EZB bemüht, ihre Entscheidungen transparenter und nachvollziehbarer zu machen. Zweitens ist die Emanzipation von der restriktiven Bundesbank-Ideologie, die das Wachstum in Europa über Jahrzehnte gebremst hat, auf dem bestem Wege. Mit der neuen Strategie ist eine lockerere Geldpolitik möglich. Denn den Falken im EZB-Rat, die bislang unter Hinweis auf die Geldmenge trotz Konjunkturschwäche gegen eine weitere Zinssenkung waren, fehlt nun ein wichtiges Argument. Zudem hat die EZB auch ihr Inflationsziel leicht von "unter zwei Prozent" auf "knapp unter zwei" angehoben.

Um sich aber vollständig von der Bundesbank-Ideologie lossagen zu können, bedarf es einer weiteren Überprüfung der Strategie – und eines neuen Chefvolkswirts. Gegenwärtig hat Otmar Issing, der konservative Bundesbanker schlechthin, diesen Posten inne. Für ihn dürfte mit dem jetzt gefundenen Kompromiss längst die Schmerzgrenze erreicht sein. In der Nach-Issing-Zeit müssen die Notenbanker dann auch ihre Definition für Preisstabilität endlich deutlich anheben: auf mehr als zwei Prozent. Issings Amtszeit endet am 31. Mai 2006.