Ein Junge umklammert verzweifelt ein Stück Stoff, den Blick ins Nirgendwo gerichtet. Hinter ihm: ein ausgehobenes Grab und Menschen. Einsamkeit und Ohnmacht im Angesicht der Katastrophe. Eric Grigorians prämierte Schwarzweißfotografie aus der iranischen Provinz Qazvin, aufgenommen nach dem Erdbeben vom 23. Juni 2002, ist das World Press Photo 2002. Der seit 1955 verliehene Preis prämiert alljährlich fotografische Arbeiten in neun Kategorien. Im Gruner + Jahr-Pressehaus in Hamburg sind noch bis zum 25. Mai die preisgekrönten Fotos des vergangenen Jahres zu sehen. Eine unabhängige Jury hat diese aus mehr als 50 000 Einsendungen ausgewählt. Einige Fotos bleiben im Gedächtnis haften: Matias Costas Aufnahme eines zu früh geborenen Babys im Brutkasten, Ami Vitales Fotoserie über die Zusammenstöße von Hindus und Muslimen in Achmedabad oder Justin Sutcliffes entrücktes Bild einer vom Gas betäubten Frau, aufgenommen nach der Erstürmung des Moskauer Kulturpalastes im vergangenen Oktober. Es sind im besten Falle Fotos, die gemäß der Barthesschen Kategorie des Punctums etwas provozieren, eine Erschütterung, und im schlimmsten Fall reine Oberfläche gewordene Hochglanz-Vision bleiben. Neben den erwartbaren Schauplätzen des Weltgeschehens rückt die Ausstellung immer wieder Nebenschauplätze ins Bild, die in der journalistischen Tagesaktualität fast unterzugehen scheinen.

Grigorians Foto ist hierfür das beste Beispiel: Unmittelbar nach dem Erdbeben wollte niemand es veröffentlichen, erst im Rahmen des Wettbewerbs wurde es publiziert. Ob in der iranischen Provinz oder in Los Angeles Hunderte von Menschen umkommen, ist eben immer noch ein Unterschied. In dem preisgekrönten Bild gefriert die ganze Verzweiflung in der Geste eines kleinen Jungen: Es ist ein Detail, das mehr noch als das Grauen im Hintergrund die ganze Fotografie erfüllt. Für Barthes zeigt sich die Essenz der Fotografie in einem Nachdenken über das Leben, über den Tod. Wie im Bild von Eric Grigorian.