Der Aufbruch lief ganz nach Fahrplan. Als die Regierung ihr Paket zur Gesundheits- und Rentenreform in der Nationalversammlung vorstellte, spendete sogar die parlamentarische Opposition Beifall. Danach gratulierten auch hohe Gewerkschaftssekretäre, und im Fernsehen feierten Experten das Wunder einer Republik im Wandel. Nur die Basis war anderer Meinung. Zuerst gingen die Eisenbahner auf die Barrikaden, dann die Lehrer, Postboten und die vielen anderen Staatsangestellten. Nahezu alle Behörden waren geschlossen. Drei Wochen lang lernten die fünfzehn Millionen Bewohner im Großraum Paris das Vergnügen kennen, zu Fuß zu gehen – während es heftig schneite.

Der nervöse Premierminister studierte unablässig die Meinungsumfragen. Aber die meisten Franzosen empfanden die Ausstände als berechtigt. In den Bahnhofshallen des Gare de Lyon rief der berühmte Soziologe Pierre Bourdieu die Streikenden zum Widerstand gegen "Liberalismus und Barbarei" auf. Dann knickte der Premierminister ein, erklärte im Fernsehen, er habe "die Schwere der Probleme unterschätzt", und nahm die Reformen zurück. Das Ganze passierte im Dezember 1995. Gut ein Jahr später war die Regierung von Alain Juppé gestürzt.

Nach fast acht Jahren Ruhe an der Reformfront erlebt Frankreich nun wieder die gleichen Szenen. Zum Generalstreik am Dienstag dieser Woche marschieren die Demonstranten landesweit in über hundert Städten. Flugzeuge, Bahnen und Busse stehen fast komplett still, in Schulen und Behörden gibt es nur Notdienste. In den verstopften Straßen von Paris kommen die Menschen nur noch zu Fuß, mit Rollschuhen oder Fahrrädern vorwärts, während in den großen Bahnhöfen museale Ruhe herrscht. Wieder ergeben Umfragen, dass 60 Prozent aller Bürger die mouvement social genannten Streiks unterstützen. Die meisten nehmen den Ausnahmezustand wie eine Mischung aus Hitzefrei, Karneval und Ramadan hin.

"Überlebensfrage der Republik"

"Im Mai sind die Straßen besonders einladend", warnte jüngst Alain Juppé seinen konservativen Amtsnachfolger Jean-Pierre Raffarin vor einer Ausweitung der Ausstände. Doch der neue französische Premier hat nach einem Jahr Vorbereitung seine Sozialreform intelligenter geschnürt. Was Ende 1995 noch als eine fremdbestimmte Aktion der Regierung empfunden wurde, die die Staatsschulden gemäß den Maastricht-Kriterien für die Währungsunion reduzieren musste, hat Raffarin heute zur Überlebensfrage der Republik erklärt. In einem offenen Brief an alle Franzosen erklärte er vergangene Woche: "Wir müssen unserer Altersversorgung eine neue Chance geben und dafür eine gemeinsame Anstrengung leisten."

Statt die Bürger mit einem Riesenpaket zu überfordern, wirft Raffarin seine Vorschläge häppchenweise unters Volk. Bislang geht es nur um die Angleichung von öffentlichen und privaten Pensionen und Renten und die Verlängerung der Anwartschaft von 37,5 auf 40 Arbeitsjahre – alles halb so schlimm und deshalb kaum für Massenerhebungen geeignet.

Doch die Gewerkschaften wittern, dass mehr auf dem Spiel steht. Obwohl in den mehrere Dutzend Syndikaten nur 9 Prozent aller Arbeitnehmer organisiert sind – in Deutschland sind es immerhin 29 Prozent –, können sie aufgrund ihrer Direktfinanzierung durch den Staat und ihrer starken Präsenz in den wichtigsten Entscheidungsgremien die Kriegstrommeln überaus wirkungsvoll rühren.

Mit der Konsolidierung der Altersversorgung, der bis 2020 ein Finanzierungsloch von 50 Milliarden Euro droht, will die Regierung erstmals seit 50 Jahren auch die Zahl der Staatsangestellten reduzieren. Schätzungsweise die Hälfte aller 26 Millionen berufstätigen Franzosen sind in staatlichen Sektoren beschäftigt, darunter 8 Millionen als Beamte auf Lebenszeit. Nun soll nur noch für jeden dritten Ruheständler eine neue Kraft eingestellt werden. Außerdem werden von Herbst an die Gehälter eingefroren. Dazu kommt für viele die Bedrohung, durch die endlich ernst gemachte Dezentralisierung der Republik zu den 150000 Staatsdienern zu gehören, die beruflich umgesetzt werden.