Dijon – französische Provinz, wie sie kultivierter und genussreicher nicht denkbar ist. Warum es sich die Dirigenten der Sozialistischen Partei in den Kopf gesetzt haben, das freundlich-altmodische Idyll in dieser Woche mit einem großen Parteitag aufzuwirbeln, weiß der Himmel – ausgerechnet jetzt, da Frankreichs Arbeiter in Aufruhr sind und die Gewerkschaften zum Protest gegen Einschnitte ins soziale Netz blasen. Zumal der Begriff "Dijon" nur geringe Aussichten hat, in den Annalen der französischen Linken mit solch kräftigen Lettern verzeichnet zu werden wie der dramatische Parteitag von Tours im Jahre 1920, der die Spaltung zwischen den demokratischen Sozialisten und den moskowitischen Kommunisten besiegelte. Oder jener von Epinay, mehr als ein halbes Jahrhundert danach, auf dem François Mitterrand, der kleine, mit allen Wassern gewaschene Machiavell’, durch einige virtuose Manöver die Führung der neu gegründeten Sozialistischen Partei Frankreichs an sich brachte, gegen die Konkurrenz von Michel Rocard, den einstigen Ultralinken, der sich zum pragmatischen Sozialdemokraten gewandelt hatte.

Dijon werde eine Demonstration der "großen Leere", sagen Beobachter voraus, eine Gespensterversammlung im Abgrund der Depression, in den die Partei nach dem Desaster Lionel Jospins in der Präsidentschaftswahl am 21.April 2002 und der fatalen Niederlage der Sozialisten in den Wahlen zur Nationalversammlung im September gestürzt ist.

François Hollande, der tüchtig-wohlmeinende Konkursverwalter, wird ohne Zweifel an den Parteitag appellieren, "den Blick nach vorn zu richten". Vor allem wird der Erste Sekretär seine Genossen inständig bitten, sich nicht mit der Jagd auf Sündenböcke aufzuhalten. Hollande ist ein jovialer und seltsam ungeprägter Mensch, intelligent, ein guter Organisator, kein schlechter Redner, als Bürgermeister, als Universitätspräsident, auch als Minister denkbar, und glaubhaft. Böse Zungen sagen, das Einzige, womit er Furcht einflöße, sei seine Lebensgefährtin: Ségolène Royal, die einstige Schulministerin, eine attraktive und ambitionierte Dame. Sie, sagt man, sei mit dem politischen Dämon begabt (oder geschlagen), den ihrem Mann keiner zutraut.

Er strahlt auch in den dunkelsten Stunden jenen unbeirrbaren Optimismus aus, der ihn für die eigene Nachfolge empfiehlt. Ohnedies versucht zur Stunde keiner der Prominenten, die der Partei geblieben sind, ihm das mühselige Amt streitig zu machen. Zu einer Kampfkandidatur ist nur Henri Emmanuelli bereit, der Chef des marxistischen Flügels (dem er, ohne eine Spur von Ironie, den Namen "Neue Welt" gab), vielleicht auch der aufsässige Arnaud Montebourg, der seinen Anhang nicht gerade kleinmäulig als nouveau parti socialiste präsentiert. Sie könne, wie Montebourg vorweg eingeräumt hat, Hollande kaum die Mehrheit entwinden, zumal ihn die "Barone" der Partei mit Bekundungen ihres Vertrauens überhäufen: so der einstige Premierminister Laurent Fabius (der jüngste in der Geschichte Frankreichs) und sein talentierter Gegenspieler, der ehemalige Finanz- und Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn, ein sozialliberaler und grundeuropäischer Weltmensch.

Fabius und Strauss-Kahn ziehen es vor, das Duell um die Führung zu vertagen, bis die nächsten Präsidentschaftswahlen im Jahre 2007 näher gerückt sind. Fast alle der Granden, ob Damen oder Herren, schworen dem braven Hollande (fürs Erste) den Treueeid: etwa Bertrand Delanoë, der Pariser Bürgermeister, der die Stadt mit ruhiger Hand regiert und, dank seines unaufdringlichen Charismas, unter manch Hellhörigen als die Hoffnung der zerfledderten Partei gehandelt wird. Ebenso Lionel Jospin, nach einem Jahr hartnäckigen Schweigens. Der professorale Protestant (und bekennende Atheist) kehrt nicht zurück; er sagte es, die Erwartungen vieler enttäuschend, bei seinem ersten Fernsehauftritt ein Jahr nach dem Debakel klipp und klar.

Mit ihm kann die Partei nicht rechnen. Jospin, der seinen Pragmatismus gern in schulmeisterlicher Überhöhung präsentierte, hat den Substanzverlust, an dem die Sozialisten schon lange litten, nur mühsam zu tarnen vermocht. Der Prozess der moralischen Ausblutung begann früher, in der Ära Mitterrand mit ihrem flirrenden Glanz, als die sensibleren Genossen mit grausamer Langsamkeit der Verdacht heimsuchte, der Hexenmeister im Elysée-Palast habe die Partei nur als Vehikel für die Eroberung der Macht gebraucht. Mit brillantem Geschick hatte sich der Magier zunächst des spät-marxistischen Vokabulars bedient, das in den sechziger, den siebziger Jahren so modisch war. Die Formel "Sozialdemokrat" galt in jener Epoche bei der Kaviar-Linken, bei den studentischen Brauseköpfen und bei den geeichten Traditionalisten als geradezu obszön.

Mitterrand hatte in der Tat nicht gezögert, die französische Wirtschaft im Auftakt der ersten Präsidentschaft sozialistischen Experimenten auszuliefern, die das Land rasch zu lähmen drohten. Kurz vor dem Kollaps warf er jäh das Steuer herum und folgte einem moderat-liberalen Kurs. Am Ende seiner langen, allzu langen Herrschaft bezeichnete er sich gern als "Kultursozialisten", was immer das heißen mochte. Er bemühte sich kaum noch – vom Tode gezeichnet, doch noch immer zu zynischer Bosheit fähig –, seine Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschick der Partei zu verbergen. Unwillig ließ er sich eine lauwarme Billigung der Kandidatur des ungeliebten Lionel Jospins abringen. Aber es war kein Geheimnis, dass er lieber den Postgaullisten Jacques Chirac als seinen Nachfolger sah.

Vermutlich hätte er jeden Mahner kühl beschieden, dass die programmatischen Differenzen der beiden beinahe nur kosmetisch seien. Vielleicht hätte er auch mit ironisch gekräuselten Lippen vom linken Sozialdemokratismus des einen, vom rechten des anderen gesprochen, und er hätte am Ende darauf verwiesen, dass von dem Spätgaullisten Chirac ein energischeres Engagement für Europa zu erwarten sei als von dem Etatisten und Pflichteuropäer Jospin: Mit Europa war es Mitterrand ernst. Man darf den Mut zu Europa und zumal zur französisch-deutschen Kooperation seine eigentliche Lebensleistung nennen.