Höher. Schneller. Weiter. Was in den Neunzigern für die Aktien galt, ist seit dem Jahr 2000 das Motto für die Staatsanleihen. Während die Aktienkurse einbrechen, legen die Anleihen zu. Auch das erste Quartal ging wieder an den großen Gegenspieler der Risikopapiere: Der deutsche Staatsanleihe-Index Rex-P gewann 1,9 Prozent, wohingegen der Dax weitere 16,2 Prozent verlor. Und selbst im April, der dem Dax mit 21,4 Prozent den größten Monatsgewinn aller Zeiten bescherte, hielten sich die Papiere des Bundes wacker (Rex-P plus 0,07 Prozent). Immer lauter fragen sich Investoren, ob noch alles mit rechten Dingen zugeht, ob nicht gerade am Anleihemarkt die nächste große Blase aufgepumpt wird.

Nicht, wenn japanische Verhältnisse drohen. Dann sind Bundesanleihen immer noch spottbillig. In Japan, das seit 1998 mit der Deflation kämpft, rentieren zehnjährige Staatsanleihen derzeit mit 0,6 Prozent. Von dieser Minirendite sind die deutschen Papiere mit knapp vier Prozent noch ein weites Stück entfernt. Welches Potenzial daher noch in den sicheren Staatspapieren steckt, verdeutlicht folgende Berechnung: Die aktuelle zehnjährige Bundesanleihe würde von derzeit 104 Prozent auf rund 120 Prozent emporschnellen, wenn ihre Rendite auf das japanische Niveau fiele. Aber genauso geht es auch in die andere Richtung, wenn sich die Inflation eines Tages wieder zurückmeldet.

Marktzinsen und Anleihekurse entwickeln sich gegenläufig. Fallen die Zinsen, dann steigen die Kurse und umgekehrt. Dafür sorgt der Kapitalmarkt. Wertpapiere mit gleicher Laufzeit und gleichem Risiko haben stets die gleiche Rendite, unabhängig vom Kupon, also dem jährlich gezahlten Zins. Die Kursbewegungen gleichen den Vorteil beziehungsweise Nachteil eines im Verhältnis zum Marktzins zu hohen oder zu niedrigen Kupons aus.

Staatsanleihen sind die sicherste Wette auf das pessimistische Szenario der Deflation. Schließlich bieten sie den entscheidenden Vorteil: Zinszahlungen und Rückzahlung sind sicher – zumindest aus Sicht der Investoren. Denn es gibt am internationalen Kapitalmarkt kein geringeres Ausfallrisiko als das der westlicher Staaten. Und mit jedem weiteren Nachgeben der Inflation sinken die Renditen, steigen die Kurse der Anleihen.

Aus Sicht der Commerzbank hat der Rentenmarkt seine beste Zeit hinter sich. "Die Investoren sind zu pessimistisch mit Blick auf die künftige Wirtschaftsentwicklung in der Euro-Zone und Amerika", glaubt Peter Müller von der Commerzbank. Die ungewöhnlich expansive Geld- und Fiskalpolitik in Amerika dürfte schon bald zu einem Stimmungsumschwung führen.

Wer anderer Ansicht ist und japanische Verhältnisse nicht ausschließt, der muss nicht unbedingt auf Staatsanleihen setzen, die die niedrigsten Renditen weit und breit bieten. Anleihen vergleichbarer Qualität, die auch dem Staatssektor zuzuordnen sind, bieten bis zu 0,3 Prozentpunkte mehr. Dazu gehören die Anleihen der Bundesländer und der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). "Das Risiko ist quasi dasselbe", sagt Dieter Robl, Investmentstratege der Capital-Forum Anlagegesellschaft. Der Renditeunterschied erklärt sich vor allem aus der Liquiditätsprämie, die die internationalen Anleger für Staatsanleihen berappen.

Die Unterschiede in der Handelbarkeit der verschiedenen Schuldtitel kann dazu führen, dass der Verkauf von Titeln der KfW oder der Länder in turbulenten Zeiten nicht oder zu geringfügig schlechteren Kursen möglich ist. Doch das ist eher ein Problem für die professionellen Investoren. Der Privatanleger, der die Papiere bis zum Ende der Laufzeit hält, profitiert in jedem Fall von den etwas höheren Zinsen trotz gleicher Sicherheit. So rentiert eine Hamburg-Anleihe mit siebenjähriger Restlaufzeit derzeit mit 3,74 Prozent, vergleichbare bayerische Titel mit 3,62 Prozent und eine Bundesanleihe mit 3,47 Prozent.

Seit der Euro-Einführung weisen auch die Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer ein nahezu identisches Risikoprofil auf. "Dennoch machen die Anleger und Ratingagenturen noch kleine Unterschiede", so Robert Senz, Rentenexperte der Raiffeisen Capital Management. Aufgrund der hohen Budgetdefizite in den Kernländern Frankreich und Deutschland sind für ihn insbesondere Finnland, Spanien und Irland interessant, deren Haushalte ausgeglichener sind. "Trotzdem liegt die Rendite bei zehnjährigen spanischen Anleihen acht Basispunkte oberhalb der Deutschen", sagt Senz.