Normalerweise redet Werner Seifert nur über Aktien – schließlich ist er der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse AG. Doch da sein Unternehmen gerade dabei ist, eine Anleihe im Volumen von 500 Millionen Euro auf den Markt zu bringen, muss auch Werner Seifert gelegentlich das Thema wechseln.

Dass sich sogar die Deutsche Börse über eine Unternehmensanleihe finanziert, belegt die steigende Attraktivität dieser Form der Geldbeschaffung. Kaum ein Unternehmen von Rang, das noch keine Schuldtitel ausgegeben hat. Aber Corporate Bonds, wie die Anleihen im Fachjargon heißen, sind nicht nur für die Emittenten interessant. So legte der Index der liquidesten Unternehmensanleihen Eurolands, der iBoxx, in den vergangenen drei Jahren mehr als 22 Prozent zu. Anleger, die auf Aktien gesetzt hatten, büßten im gleichen Zeitraum bis zu 70 Prozent ein.

Die von Firmen begebenen Schuldverschreibungen sind zwar riskanter als Staatstitel westlicher Länder wie der Bundesrepublik. Dafür bieten sie, je nach Risiko, auch eine deutlich höhere Verzinsung. Wie spekulativ eine Anleihe ist, ist einerseits an den Noten der Rating-Agenturen abzulesen. Zum anderen ist die Höhe des Renditeaufschlags auf die Zinssätze gleich lang laufender Staatsanleihen ein Indiz: Je höher dieser Aufschlag, der auch Spread oder Renditedifferenz genannt wird, desto unwahrscheinlicher schätzen Marktteilnehmer die pünktliche Rückzahlung des Schuldtitels ein.

Im Gegensatz zu Aktien sind Corporate Bonds dennoch meist sicherer. Sie weisen nämlich über den Kupon eine vorab festgelegte laufende Verzinsung auf, die normalerweise die Dividendenrendite von Anteilscheinen übertrifft. Zum anderen bieten solche Rentenpapiere eine feste Laufzeit von zwei, fünf, zehn oder – je nach Ausstattung – bisweilen auch dreißig Jahren. Am Ende dieser Laufzeit fließt das eingesetzte Kapital an den Anleihengläubiger zurück. Der Aktionär stellt sein Geld dem Unternehmen dagegen auf unbegrenzte Laufzeit zur Verfügung.

Fachleute sprechen davon, dass Anleihen sich ihrem Mittelwert, der meist dem Ausgabekurs entspricht, über ihre Laufzeit wieder annähern. Völlig anders verhalten sich Aktienkurse. Hier heißt es Top oder Flop, je nachdem ob Gewinne gemacht werden oder nicht. Aktien weisen auch deshalb ein höheres Ausfallrisiko als Rentenpapiere auf, weil Fremdkapitalgeber wie Anleihengläubiger immer vor den Eigenkapitalgebern, den Aktionären, berücksichtigt werden. Zuerst haftet immer das Eigenkapital. Gibt es allerdings nichts zu holen, dann gehen auch die Anleihengläubiger von Unternehmen baden. Beispiel Fokker: Nachdem Daimler-Chef Jürgen Schrempp Mitte der neunziger Jahre dem maroden holländischen Flugzeugbauer Fokker jegliche Unterstützung versagte, erlitten nicht nur die Aktionäre, sondern auch die Gläubiger Schiffbruch. Ähnlich erging es den Besitzern von Anleihen auf Enron oder Worldcom bei den spektakulären US-Pleiten des vergangenen Jahres.

Für die Zinsen reicht’s meistens

Solche Pleiten sind Extremfälle. Gerät dagegen ein Unternehmen wie die Deutsche Telekom in die Verlustzone, so erhalten zunächst Anleihengläubiger weiter in voller Höhe ihre Zinszahlungen, während die Aktionäre meist massive Kursverluste und die vollständige oder teilweise Streichung der Dividende hinnehmen müssen. Solange eine Aktiengesellschaft keine satten Gewinne vorweisen kann – oder wenigstens ankündigt –, schneiden Anleihenbesitzer gegenüber Aktionären tendenziell besser ab. So wie zuletzt auch die Besitzer von Telekom-Bonds.

Damit wird klar, in welchem Szenario sich Unternehmensanleihen positiv entwickeln. "Corporates profitieren von einem stabilen Umfeld mit moderaten Wachstumsraten", erläutert Axel Pott-hof, Fondsmanager für Unternehmensanleihen beim Deutschen Investment Trust (DIT). Dann können die Unternehmen aus dem Zufluss von Zahlungsmitteln, dem so genannten Cash-Flow, meist problemlos den Kupon bedienen. Selbst eine leicht rückläufige Wirtschaftsentwicklung spricht tendenziell laut Potthof noch für Unternehmensanleihen. Denn die Nachteile von etwaigen Bonitätsherabstufungen bei der ein oder anderen Firma werden in der Regel von positiven Kurseffekten durch den rückläufigen Inflationstrend mehr als wettgemacht. Die Rendite von Corporate Bonds setzt sich immer aus der sicheren Rendite der Staatsanleihen zuzüglich einer Zitterprämie gemäß der Bonität zusammen.