Welch eine Enttäuschung: Keine Carrera-Bahn, kein Zauberwürfel. Noch nicht einmal Geld. Nein, zur Heiligen Kommunion gab’s vor zwanzig Jahren eine olle Goldmünze vom Opa. Und als sei das noch nicht Strafe genug, erzählte er, nachdem man sich artig bedankt hatte, obendrein noch eine langweilige Geschichte. Davon, dass früher während der großen Inflation nur auf Gold Verlass gewesen sei.

Zwanzig Jahre und einen Börsenkrach später erkennen viele Anleger, was der Großvater immer schon gewusst hat: Gold ist in schweren Zeiten ein sicherer Hafen fürs eigene Vermögen. Seit Menschengedenken gilt Gold in Kriegen und Krisen als letzter Helfer in der Not. Wenn Geld nichts mehr wert ist und Unsicherheit allerorten herrscht, dann brechen goldene Zeiten an – zumindest für das gelbe Edelmetall.

Den besten Beweis lieferte jüngst die Irak-Krise. Mit stetig wachsender Kriegsgefahr stieg auch der Goldpreis, bis er im Februar mit 380 US-Dollar je Feinunze seinen höchsten Stand seit sechs Jahren erreichte. Mit Kriegsausbruch und dem späteren Sieg über Saddam Hussein gab der Goldpreis wieder nach – die Kriegsprämie fiel weg. Doch nach Ansicht vieler Experten ist dieser Preisrückgang nur vorübergehend.

Denn während so mancher Aktienkurs ins Bodenlose stürzte, startete der Goldpreis schon vor zwei Jahren seine Aufholjagd. Und die soll weitergehen.

So erwartet die Londoner Research- und Beratungsagentur Gold Fields Mineral Services (GFMS) für die zweite Jahreshälfte einen erneuten Anstieg des Goldpreises. GFMS veröffentlicht einmal jährlich den Branchenreport Gold Survey 2003. GFMS-Geschäftsführer Philip Klapwijk ist sich sicher: "Der gesamtwirtschaftliche Ausblick bleibt pro Gold." Vor allem, wenn die USA auch nach dem Sieg im Irak ihren Krieg gegen den Terror fortsetzten. Doch auch ohne weitere Kriege sprächen alle Anzeichen für einen weiter steigenden Goldpreis, so Philip Klapwijk. Niedrige Zinsen, geringes Wirtschaftswachstum, müde Aktienmärkte und der schwache Dollar seien beste Voraussetzungen für einen steigenden Goldpreis.

Eine Sichtweise, die Wolfgang Wilke, Rohstoff- und Edelmetall-Experte der Dresdner Bank in Frankfurt, teilt. Nach zwanzig Jahren Gold-Baisse mehren sich für ihn die Anzeichen einer Trendwende am Goldmarkt. Seien für steigende Aktienkurse die Gewinnsituation der Unternehmen sowie die Zinsen bestimmend, so sei für einen steigenden Goldpreis die Höhe der Inflationsrate grundlegend. Wilke gesteht ein, dass der Goldpreisanstieg der vergangenen beiden Jahre auf den ersten Blick nicht mit der Inflationsrate erklärt werden könne. Denn in den Industrienationen herrscht ausgesprochene Preisstabilität. Warum also der Preisanstieg für eine Unze, also 31,1035 Gramm, des gelben Metalls?

Des Rätsels Lösung sei in der US-Wirtschaft und im Dollar zu finden, meint Wilke. Schließlich wird die Feinunze Gold international in US-Dollar abgerechnet. In einem Dollar, der mit großen Problemen der US-Wirtschaft zunehmend belastet wird. "Ich vermute, dass der Goldmarkt derzeit die Erwartung einer drohenden US-Inflation zur Finanzierung des riesigen Leistungsbilanzdefizites vorwegnimmt", sagt Wilke. Während des Börsenbooms der neunziger Jahre hätten die Finanzmärkte dieses Problem ignoriert und ausländische Investoren dieses Defizit bereitwillig finanziert. Doch mittlerweile investieren japanische und europäische Anleger in den USA nicht mehr so kräftig oder ziehen sogar Gelder ab. Und das niedrige Zinsniveau sowie der schwächere Dollar locken keine neuen Finanz-Investoren mehr an. In dieser Situation bleibe der US-Regierung eigentlich nur noch die staatliche Binnenfinanzierung über die Notenpresse, so Wilke. Die US-Regierung weitete ihren Rüstungsetat enorm aus und bewilligte allein für den Irak-Krieg 75 Milliarden US-Dollar. Ein Szenario, das stark an die Finanzierung des Vietnam-Krieges erinnert. Damals folgte den aufgeblähten Etats mit rund zwei Jahren Verzögerung die Inflation, der Wertverfall des Dollars und damit der Anstieg des Goldpreises.

Dass die US-Notenbank die Geldpresse anwirft und frische Dollar unters Volk bringt, erscheint heute nicht mehr ganz abwegig. Sie bereitet sich auf den Ernstfall vor: die Bekämpfung der Deflation mit allen Mitteln. Bereits im vergangenen November sprach US-Notenbank-Gouverneur Ben Bernanke den berühmten und für einen Notenbanker provozierenden Satz: "Die US-Regierung verfügt über eine Technologie, genannt ‚Geldpresse‘, mit der sich so viele Dollar wie gewünscht herstellen lassen." Je mehr wertlosere Dollar es im Vergleich zur Goldmenge gibt, desto höher wird der Goldpreis.