Berlin

Vielleicht wird man in wenigen Jahren sagen: Damals, im Frühjahr 2003, scheiterte das historische Bündnis zwischen der deutschen Sozialdemokratie und den deutschen Gewerkschaften. Der Konflikt um die Agenda 2010, mit der Gerhard Schröder, der erste SPD-Bundeskanzler des wiedervereinigten Deutschland, die Wirtschaftskrise überwinden will, markierte den historischen Bruchpunkt. Könnte das die Bilanz des "heißen Mai" werden, die die beiden Gewerkschaftsriesen ver.di und IG Metall angedroht haben?

Spontan mag es kaum einer, den man danach fragt, ausschließen: in der IG Metall nicht, bei ver.di nicht, auch nicht im Kanzleramt. Dazu gehört ja auch die brisante Frage: Wird dabei der Sturz des Kanzlers in Kauf genommen? Die Formel "Wir wollen keinen anderen Kanzler, wir wollen eine andere Politik" ist weiterhin in Gebrauch. Aber sie klingt abgenutzt. Die Art und der Ton, wie manche führende "Kollegen" in der Gewerkschaft, durchaus mit SPD-Parteibuch, inzwischen über den "Genossen" an der Spitze der Sozialdemokraten reden, lassen den Schluss zu: Seinen Sturz als Ergebnis der Agenda-Affäre nähmen sie in Kauf. Das ist kein Spiel mehr. Dies ist der Ernstfall.

Gerhard Schröder weiß das. Vielleicht ist es übertrieben zu sagen, er genießt die Situation. Aber natürlich sieht er, wirkungsbewusst und situationserfahren, wie er ist, dass er bei diesem Konflikt zumindest in der etablierten Öffentlichkeit "der Gute" ist, der, dem die Meinungsführer in Medien, Wirtschaft und Schickeria dieses Mal applaudieren.

„Die Bösen“, das sind die anderen:

Klaus Wiesehügel von den Bauarbeitern, der nicht mächtig, aber lautstark ist, allerdings auch ein bisschen frustriert davon, dass er nicht wieder im Bundestag sitzt; Klaus Zwickel und Jürgen Peters von der IG Metall, die einander nicht ausstehen können, aber gegen Schröders Agenda verbissen zusammenhalten. Der arme Michael Sommer vom DGB, der Vorsitzende ohne eigene Mitglieder, den die Riesen wie einen Frühstücksdirektor behandeln, weshalb er dem Kanzler sogar ein wenig leid tut. Sommers Stellvertreterin Ursula Engelen-Kefer, omnipräsent in den Medien und ob ihrer Hartnäckigkeit gefürchtet bei Freund und Feind, die dem Kanzler keinesfalls leid tut. Die gleichfalls unnachgiebige SPD-Kollegin Margret Mönig-Raane aus der ver.di-Führung, deretwegen Schröder in der vorerst letzten Sitzung des SPD-Gewerkschaftsrats gründlich ausgerastet ist. Und Bsirske! Frank Bsirske, 51, Politologe, der Chef von ver.di. Auf der watch-list des Kanzleramts (Vorsicht: Unberechenbar! Ehrgeizig! Gefährlich!) steht der einzige Gewerkschaftsboss, der von den Grünen kommt, ganz oben. Er ist des Kanzlers liebster Feind. Ihn hat Schröder, um es salopp zu sagen, gefressen. Sagt es, zeigt es, lässt es ihn direkt spüren.