Wenigstens eine Beschäftigung in Berlin hat Hochkonjunktur: Politiker, Beamte, Lobbyisten, Journalisten spekulieren über Hans Eichel. Gibt er auf? Oder entlässt Gerhard Schröder seinen Finanzminister – trotz des eindeutigen Dementis aus dem fernen Kuala Lumpur?

Und wer steht als Nachfolger in der SPD bereit? Peer Steinbrück? Kompetent, aber als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen unabkömmlich! Sigmar Gabriel? Der Wahlverlierer in Niedersachsen hat sich mit seinen Attacken auf die Berliner Finanzpolitik („Praktikantenstadl“) ins Aus manövriert! Ortwin Runde, Hamburger Exbürgermeister und heute Finanzpolitiker im Bundestag? Kein Charisma und zu wenig Rückhalt bei den Genossen! Wegen Kandidatenmangels in der SPD macht zudem ein für die Koalition brisantes Modell die Runde: Wenn Joschka Fischer im nächsten Jahr EU-Außenminister werden sollte, könnte der Sozialdemokrat Günter Verheugen das Auswärtige Amt übernehmen. Zum Ausgleich würden die Grünen das Finanzministerium beanspruchen – mit ihrem ehemaligen Parteichef Fritz Kuhn.

Matthöfer nervte die Genossen

Doch alle diese Spekulationen setzen voraus, dass die eigentliche Kernfrage beantwortet ist: Hat Eichel mit seiner Zustimmung zur Tabaksteuer- Erhöhung sein Wort gebrochen und mit den neuen Schulden so viel Schuld auf sich geladen, dass er nicht mehr tragbar ist? Dass Eichel im Kabinett an Gewicht verloren hat, belegt die Anhebung der Tabaksteuer, gegen die sich der Finanzminister gewehrt hat – auch wenn er im Nachhinein gute Gründe für sein Nachgeben anführen kann: Sonst wären die Krankenkassenbeiträge trotz der Gesundheitsreform weiter gestiegen.

Der Haushalt ist für Eichel, der mit seinem Sparkurs zum Star der Regierung geworden war, natürlich ein Debakel. Statt zu sinken, steigt die Neuverschuldung in schwindelnde Höhen, jenseits der von europäischem Stabilitätspakt und deutscher Verfassung gezogenen Grenzen. Eichel muss jetzt damit fertig werden, was fast alle Haushaltskrisen in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst hat: Wenn die Wirtschaft Not leidet oder nur weniger wächst als vorhergesagt, gerät das Budget aus allen Fugen. Dann brechen die Steuereinnahmen weg, und wegen der Arbeitslosigkeit schnellen die Sozialausgaben nach oben – beides in einem Maß, dass die Etatlöcher mit Einsparungen nicht ausgeglichen werden können.

Fast alle Finanzminister, gleich welcher Couleur, büßten im Laufe ihrer Amtszeit an Ansehen ein. Und nicht nur sie. Auch Bundeskanzler Ludwig Erhard machte Mitte der sechziger Jahre diese Erfahrung. Dem "Vater des Wirtschaftswunders" hatten die Bürger zugetraut, stetes Wachstum zu garantieren. Doch als die Wirtschaft in ihre erste Rezession – aus heutiger Sicht nur ein Rezessiönchen – schlitterte, hieß es, Erhard habe versagt. Mit einem Haushaltssicherungsgesetz wurden nach der Bundestagswahl 1965 Wahlgeschenke wieder eingesammelt. Das reichte aber nicht. Als sich die Haushaltslage im Herbst darauf weiter verschlechterte, zerbrach die christlich-liberale Koalition. Die FDP wollte nicht noch einmal – wie bei der Wiederwahl Konrad Adenauers 1961 – als "Umfallerpartei" dastehen. Sie sperrte sich gegen Steuererhöhungen und zog ihre Politiker, darunter den Finanzminister Rolf Dahlgrün, aus dem Kabinett ab.

Ein Sonderfall in der allgemeinen Schuldenmacherei war die Große Koalition von Union und SPD. Mit Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) und Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) begann die Zeit des angewandten Keynesianismus, der Ende der siebziger Jahre stillschweigend wieder beerdigt wurde. Deficit spending und "antiyzklische Finanzpolitik" hießen die Schlagworte, die Kreditaufnahme wurde gezielt zur Ankurbelung der Konjunktur eingesetzt. Und das Gespann Schiller/Strauß, vom Spiegel "Plisch und Plum" getauft, hatte Erfolg. Nach kurzer Zeit wuchs die Wirtschaft wieder, und der Bundeshaushalt wies 1969 sogar einen Überschuss auf.

Bald schon folgte aber eine für die Bundesrepublik außergewöhnliche Haushaltskrise. Alex Möller (SPD), der erste Finanzminister der sozial-liberalen Koalition, scheiterte an seinen begehrlichen Ministerkollegen. "Trotz Ihres eindringlichen Appells vom 30. März 1971, mit dem Sie alle Kabinettsmitglieder an die Erfordernisse der finanzpolitischen Solidität erinnert haben, ist die Flut der an mich herangetragenen Ausgabenwünsche unaufhörlich gestiegen", beklagte sich Möller in einem Brief an Kanzler Willy Brandt. Der Sozialdemokrat warf das Handtuch: "Mit einer Haushaltslücke von über vier Milliarden Mark für das laufende Jahr 1971 und einer solchen von etwa zehn Milliarden Mark in 1972 konnte ich nicht mehr Bundesfinanzminister bleiben." Einer war damals besonders hartnäckig beim Geldausgeben: Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Brandt erinnerte sich später: "Dass er sich von seinem Etat nichts abhandeln ließ, hatte den Rücktritt Alex Möllers ausgelöst."