Kleinen Ländern gelingt es nicht oft, sich nachhaltig ins Geschichtsbuch der Menschheit einzutragen. Die Isländer schafften das bislang erst einmal: Sie nutzten ihr Geschick im Umgang mit den Elementen Wind und Wasser, um zusammen mit ihren norwegischen Vettern und Brüdern auf ihren Wikingerfahrten die Küstenorte Europas zu verheeren. Das war vor tausend Jahren.

Jetzt wollen die Nachfahren jener gefürchteten Krieger sich erneut in den Annalen der Menschheit verewigen. Diesmal allerdings mit einer positiven Glanztat. Als erstes Land der Erde wollen sie sich völlig aus der Abhängigkeit von Öl und Kohle als Energielieferanten lösen und damit auch den Ausstoß von klimaschädlichem CO2 drastisch reduzieren. Bis zum Jahr 2050, so das in einer Urkunde verbriefte Staatsziel, soll Island komplett auf eine Wasserstoff-Wirtschaft umgestellt sein.

Vor tausend Jahren nutzten Islands Helden wie der legendäre Egil Skalla-Grimsson (Egil Saga) ihre Berserkerkräfte, um zu pündern und zu zerstören, jetzt setzen gut ausgebildete Manager wie der 35-jährige Jon Björn Skulason alles daran, "dass wir das erste Land sind, das ohne Erdöl auskommt". Skulason, der in Reykjavík und im kanadischen Vancouver Wirtschaftsgeografie studiert hat, leitet die Icelandic New Energy (INE), ein Unternehmen, dessen einzige Aufgabe es ist, den Weg zur sauberen Energie zu bahnen. "Ein besseres Umfeld für die Wasserstoff-Ökonomie gibt es nirgends", sagt der Manager mit dem zurückgekämmten blonden Haarschopf.

In der Tat, die Natur hat der Insel im Nordatlantik ideale Bedingungen beschert, um sich autark vom Import fossiler Energieträger zu machen. Schon heute stammen der gesamte Strom und die Heizenergie für Industrie und Haushalte aus erneuerbaren Ressourcen: Wasserkraft und Erdwärme.

Rund zwölf Prozent der dünn besiedelten Insel bedecken Gletscher, schon Anfang des Jahrhunderts begannen die Insulaner deren kräftige Schmelzwasserströme in Wasserkraftwerken zu nutzen. Die andere Quelle kommt aus der Tiefe: Genau unter Island stoßen die amerikanische und die eurasische Kontinentalplatte zusammen. 200 Vulkane und ihre Lavafelder prägen die Landschaft, Geysire und heiße Quellen wiesen den Nachfahren der Wikinger den Weg. Im Jahr 1940 fingen sie mit der systematischen Nutzung der Erdwärme an. Aus Bohrlöchern in bis zu 2000 Meter Tiefe wird heute heißes Wasser und Dampf mit 200 Grad Celsius und mehr an die Oberfläche gefördert. Rohrleitungen leiten die heiße Fracht in geothermische Kraftwerke.

Heißer Dampf aus der Tiefe heizt Häuser und liefert Strom

Das modernste ist Nesjavellir, rund 30 Kilometer landeinwärts von der Hauptstadt Reykjavík gelegen. Es zischt und pfeift an vielen Stellen in der baumlosen Hügellandschaft. Wasserdampf strömt aus dem Boden und den hohen Schornsteinen des Kraftwerks. Drinnen muss Jüliana Gudmundsdottir derzeit Besuchern aus aller Welt das Funktionsprinzip erläutern. Die groß gewachsene junge Isländerin glaubt wie die große Mehrheit ihrer Landsleute felsenfest an eine Zukunft ohne fossile Energie. Modernste Dampfturbinen produzieren Strom, und über Wärmetauscher erhitzt das heiße Wasser aus der Tiefe sauberes Grundwasser, das per Pipeline ins tiefer gelegene Reykjavík strömt, wo zwei Drittel aller Insulaner leben. Dort nutzen sie das heiße Wasser zum Heizen, Baden und Duschen.

Das Wasser aus der Tiefe wäre zu mineralhaltig, um es direkt weiterzuleiten, erklärt Jüliana, so hätten die isländischen Ingenieure zehn Jahre lang an der speziellen Wärmetauschtechnik gefeilt.