Kriminalroman Tödliche Symbiosen
Im Norden Galiläas herrscht der Biologe Daniel beinahe unumschränkt über ein kleines Biotop. Selbst Armee und Polizei dürfen nur mit seiner Genehmigung das Naturreservat betreten, dem er vorsteht. Wenn er morgens den Blick über die Karstberge schweifen lässt, ist er sich gewiss: „Das ist es, was das gemeinschaftliche Leben hier auf dem Berg so schön macht, das Miteinander von zwei, drei Familien und Leuten, denen nur eines wichtig ist. Die Natur.“
Daniel ist Spezialist für Symbiose. Er erforscht das Zusammenleben von Feigenbäumen und Wespen, das System ihrer gegenseitigen Nutzung und Zerstörung durch Täuschungen und Selbsttäuschungen. Längst ist die Forschungsarbeit, so konstatiert er befriedigt, in eine Lebensform übergegangen. Die Frauen sind wie die Natur, die er versorgt, ihm zu Diensten: die Ehefrau, die Frau des Pflanzenzeichners Jakob, die Wehrpflichtige Ruthi, die leichten Dienst im Reservat tun darf, weil Daniel sie angefordert hat. Doch eines Tages ist sie, die immer Pünktliche, nicht erschienen. Suchtrupps werden zusammengestellt; Daniel dirigiert und organisiert sie. Dabei weiß er, das lassen seine Monologe immer deutlicher ahnen, genauer, was geschehen ist, als ihm selber lieb sein kann. Während sich die Suchaktionen von Polizei und Armee zwischen dem rebellischen Dorf am Fuß der Berge und dem „Schlund“ genannten Höhlensystem oben im Reservat zersplittern, verfolgt der Leser gebannt Daniels Zwiespalt: Er, der offizielle Leiter der Ermittlungen, kämpft gegen seinen inneren Schweinehund an, der sich nicht eingestehen mag, dass er selbst Verursacher des Übels ist.
Mehr kann über Israel Hameiris auch sprachlich faszinierende Charakterstudie nicht verraten werden. Als Binnensicht einer vordergründig harmonischen Kleingesellschaft, die an der Verdrängung der ihr innewohnenden Gewalt schier zerbricht, korrespondiert Hameiris begeistert aufgenommener Roman Symbiose glänzend mit dem neuesten Buch der israelischen Kriminalgroßschriftstellerin Batya Gur, Denn die Seele ist in Deiner Hand. Auch hier wird ein zwanghaft beschütztes Biotop erschüttert. Auf dem Dach eines alten Hauses im Jerusalemer Multikulti-Vorzeigeviertel Baka liegt der geschändete Leichnam der 22-Jährigen Zohra. Inspektor Michael Ochajon, selbst von marokkanischen Einwanderern abstammend, stößt mit seinen Beamten auf vier Familien, deren Geschichte ebenso wenig ans Tageslicht kommen darf wie die Geheimnisse des Schlundes in Daniels Reservat. Doch handelt es sich in diesem von Batya Gur in gewohnt einfühlsam und scharf charakterisierender Personenzeichnung ausgebreiteten Fall nicht um innere, sondern um äußere israelische Geschichtsverwerfungen. Während beinahe alle Energien der Polizeikräfte gebunden sind durch Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern, ermittelt Ochajon im Milieu der nach Herkunft und Sitten beinahe unvereinbaren jüdischen Gruppen. Exemplarisch ist der Nachbarschaftsstreit zwischen den Beneschs, aus Ungarn eingewanderten Aschkenasim, und den kinderreichen Bascharis, die zu den jemenitischen Juden gehören. Diese sind nach zweitausendjähriger Diaspora mit einer großen Fluchtwelle Ende der vierziger Jahre nach Israel gelangt. Und dies war tatsächlich mehrfach Gegenstand von Untersuchungskommissionen der Knesset Hunderte ihrer damals in Krankenhäusern und bei Pflegefamilien untergebrachten Kinder sollen ohne Wissen oder gar Zustimmung der Eltern zwangsadoptiert worden sein. Auch Zohra, die Ermordete, recherchierte in ihrer Familiengeschichte und der ihrer Nachbarn einen solchen Fall von Kindesraub. Doch schließlich stellt sich heraus, dass ein ganz anderer Zwist ihren Tod verursacht hat. Auch wenn bei Batya Gur manchmal allzu deutlich die philanthropische Geste die Feder führt der unbestechliche Blick der israelischen Lady of Crime auf die Konflikte ihres Landes ist die Lektüre auch dieses Buches wert.
Israel Hame’iri: Symbiose Aus dem Hebräischen von Markus Lemke; dtv, München 2003; 200 S., 15,– ¤SymbioseBelletristikhebräischAus dem Hebräischen von Markus LemkeIsrael Hame’iriBuchdtv2003München15,–200Markus LemkeBatya Gur: Denn die Seele ist in Deiner Hand Aus dem Hebräischen von Barbara Linner; Goldmann, München 2003; 448 S., 29,50 ¤Denn die Seele ist in Deiner HandBelletristikhebräischAus dem Hebräischen von Barbara LinnerBatya GurBuchGoldmann2003München29,50448Barbara Linner
- Datum 15.05.2003 - 14:00 Uhr
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.05.2003 Nr.21
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