Beschuldigung, Ultimatum, Streikandrohung: Die IG Metall will den Arbeitgebern im Osten einen verbindlichen Zeitplan für die Einführung der 35-Stunden-Woche abringen. Schließlich, so ihr Argument, sei die Zeit gekommen für gleiche Bedingungen in den alten und neuen deutschen Ländern.

VW oder Siemens können es sich leisten, die Arbeitszeit in ihren subventionierten Ostwerken zu verkürzen. Aber für mittelständische Maschinenbauer, die zwölf Jahre falsche Berliner Versprechen und überhöhte Tarife ausgestanden haben, wäre das vielleicht die eine Zumutung zu viel.

Schlimmer noch ist die Mentalität hinter der Forderung: Alle sollen unter das gesamtdeutsche Dach. Dieses Denken hat schon Helmut Kohl verführt, den Sozialstaat eins zu eins auf den Osten auszuweiten und auf diese Weise die Lohnnebenkosten in Gesamtdeutschland zu steigern. Nun haben sich durch die Wiedervereinigung aber die Gewichte am Arbeitsmarkt verändert. Neben Fachleuten kamen viele Arbeitskräfte hinzu, die für den westlichen Wettbewerb nicht adäquat ausgebildet sind. Zu allem Überfluss locken Niedriglöhner in Osteuropa.

Nie hätten westdeutsche Lohn- und Arbeitsverhältnisse zum gesamtdeutschen Ziel erklärt werden dürfen. Die Ökonomie verlangt vielmehr, dass die neuen Unterschiede sich auch in ungleicheren Einkommen ausdrücken. Glücklicherweise konnten Regierende und Tarifpartner den Markt nicht ganz außer Kraft setzen. Weil Unternehmen den Verbänden fernbleiben und Betriebsräte vielerorts einfach nur Jobs retten wollen, sind die tatsächlichen Arbeitskosten in der verarbeitenden Industrie des Ostens immer noch um etwa ein Drittel geringer als im Westen. Und selbst dort gibt es heute weit mehr niedrig vergütete Jobs, als die Tarif-Fiktion vorsieht.

Deutschland kann dem Verfall des Arbeitswertes nur auf einem Weg begegnen: Die Qualität des Angebots muss steigen. Der Industrie fehlen Ingenieure, Studien dokumentieren die Schul- und Universitätsmisere. Die Bildung muss besser werden, Staat und Private zusammen geben dafür einen wesentlich geringeren Anteil der Wirtschaftsleistung aus als Erfolgsländer wie Schweden oder die USA.

Das Humankapital muss uns mehr wert werden. Kluge Koalitionspolitiker sagen jetzt schon, dass die Regierung noch vor der nächsten Bundestagswahl eine neue Umverteilung vornehmen muss: Subventionen für alte Industrien sollen in die Bildung umgeleitet werden. Der Plan müsste auf des Kanzlers Agenda kommen. Uwe Jean Heuser