Wie bei den Autos so ändern sich auch bei den Romanen die Formate. Die so genannte SUV-Klasse, die immer mehr Zulauf findet, gibt es auch in der Literatur. Das Sport Utility Vehicle verbindet auf schöne Weise viele Zwecke: Es ist sehr groß und sehr schnell, es taugt fürs Gelände wie für die Autobahn, man kann damit zu Ikea fahren und Schränke laden oder die Tochter samt Freunden und Freundinnen von der Disco abholen. Leider verbraucht es viel Treibstoff, und Parkplätze dafür gibt es auch nicht, aber das sind ziemlich knickrige Einwände.

Bei Middlesex, dem neuen (zweiten) Buch des Amerikaners Jeffrey Eugenides, haben wir es mit einem echten SUV-Roman zu tun. Er ist stark, nämlich 733 Seiten; er hat viel Platz für tausendundeine Geschichte; er ist sehr schnell, und man befindet sich gewissermaßen auf der Überholspur, wenn er durch die amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts rauscht; dann wieder klettert er mit Allrad-Antrieb zuverlässig und rutschfrei ins Gebirge der Genetik oder der griechischen Mythologie. Kurz: Fahr- und Lesespaß sind nicht gering, obgleich Aufwand und Ertrag in keinem sehr günstigen Verhältnis zueinander stehen. Aber wir wollen nicht knickrig sein.

Hauptfigur ist der 41 Jahre alte Cal Stephanides, Abkömmling griechischer Einwanderer, in Detroit geboren und zur Erzählzeit, also 2001, amerikanischer Kulturattaché in Berlin. Cal oder Calliope, so der Taufname, ist Hermaphrodit, und wer nicht weiß, was man sich darunter vorzustellen hat, sollte Middlesex lesen – der offenbar gar nicht so seltene genetische Ausnahmefall wird darin zuverlässig und rutschfrei erklärt.

Für unsere Zwecke genügt der Hinweis, dass Cal eigentlich (doch was heißt hier eigentlich?) ein Mann ist, aber halb weibliche, halb männliche Geschlechtsorgane besitzt, was leider bedeutet, dass er den Geboten des konventionellsten aller Akte, des Zeugungsakts, weder als Mann noch als Frau hinreichend entsprechen kann. Der Titel des Romans spielt natürlich mit den Begriffen middle und sex, bezieht sich aber schlicht auf die Tatsache, dass sich ein Teil der Geschichte in einem Haus am Detroiter Middlesex Boulevard ereignet. Middlesex wiederum ist ein Bezirk in New Jersey/USA, ursprünglich eine englische Grafschaft.

Von diesem Cal, den bis zu seinem 14. Lebensjahr alle für ein Mädchen hielten, hören wir die Geschichte, und der virtuose Kunstgriff von Jeffrey Eugenides besteht darin, dass er ihn zum allwissenden, gottähnlichen Erzähler macht, der die Odyssee eines fehlgeleiteten Chromosoms von der Urzeit der Vorfahren bis in die Gegenwart des eigenen Körpers verfolgt. Dieser Ich-Erzähler weiß alles, er kennt die Gefühle seiner Großeltern, er ist dabei, als die beiden sich verlieben und miteinander schlafen, in einem Rettungsboot auf jenem Auswandererschiff, das sie nach Amerika bringen wird und wo sie so tun, als hätten sie sich eben erst kennen gelernt, während sie in Wahrheit Bruder und Schwester sind und jenen lebenslangen Inzest beginnen, unter dem Desdemona immer mehr leiden wird. Cal ist auch dabei, als seine Eltern ihn zeugen, er ist dabei, als der Vater auf einer Verfolgungsjagd mit seinem Cadillac von der Brücke stürzt, und erzählt uns dessen Empfindungen im Augenblick des Todes. Er ist überall dabei, nur nicht recht bei sich selber, aber das ist verständlich, denn wie soll er sich finden in einer Welt, die alles bipolar ordnet und mit dem Dazwischen nicht umgehen kann.

Und weil er biologisch impotent, erzählerisch aber omnipotent ist, tritt er einmal als Autobiograf auf, der den Leser zum intimen Zeugen seiner irregulären körperlichen Entwicklung macht; ein andermal als Historiker, der die Brandschatzung von Smyrna im Jahr 1922 einem interessierten Publikum vor Augen führt; dann wieder als Stadtführer, der Touristen die Besonderheiten von Detroit ans Herz legt; schließlich als wissenschaftskundiger Journalist, der uns über die Geschlechterdefinition aufklärt.

Diese Omnipotenz erlaubt unserem Cal den ebenso eleganten wie munteren Wechsel der Erzählhaltung, sodass er zum Beispiel sagen kann: "Es wäre gelogen, würde ich Ihnen erzählen, dass…" oder: "An diesem Abend mitten im Zweiten Weltkrieg beginnt gleich ein Ständchen. Es handelt sich nur noch um Minuten. Wenn Sie genau hinhören…" Er kann dann auch gravitätisch werden und uns folgendermaßen anreden: "Aber bevor ich mit Desdemonas Geschichte fortfahre, möchte ich Sie im Hinblick auf Neuigkeiten mit Julie auf den letzten Stand bringen." Oder er hält sich ganz knapp und sagt: "Was während Desdemonas Zeit im Bett geschah:…" Er kann aber auch appellativ und herrisch werden: "Man stelle sich den Bahnhof in jener Zeit nur einmal vor!" Und immer wieder zeigt er uns, was er sich angelesen hat: "Hermaphroditen hat’s schon immer gegeben. Platon sagte, der erste Mensch war ein Hermaphrodit. Hast du das gewusst?"

Schön daran ist die völlige Unbefangenheit des Erzählens, das wohlgemute Voranschreiten, die entspannte Verschränkung der Gegensätze, und es ist, als gäbe Schiller all dem seinen Segen: "Wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort." Schlecht aber ist, dass die "Arbeit" zwar munter fortfließt, aber kein rechtes Ziel und keine immanent logische Begrenzung hat. Der Roman könnte ebenso gut doppelt wie halb so dick sein, es würde ihm weder schaden noch nützen. Denn am liebsten sieht sich Cal als Nachfolger Homers, dessen Gesänge ja auch potenziell unendlich und folglich kürzbar sind, mit dem entscheidenden Unterschied freilich, dass Homer ohne die Wirklichkeit des Tragischen undenkbar wäre.