Roman Auf breiten ReifenSeite 2/2
Bei Eugenides aber ist gar nichts tragisch. Vieles ist lehrreich, einiges amüsant, manches traurig. Das liegt an der Hauptfigur. Der Hermaphrodit ist ein beschädigter Abglanz der verlorenen Idee vollkommener Einheit. In dem Augenblick, da Gott den Menschen in Mann und Weib teilte, war der Zwiespalt da, den nur der glückhafte Augenblick der Liebe schließen kann. Das Unglück der Teilung: Das ist das Thema von Middlesex, und Eugenides gibt ihm in der Tat eine von allen Seiten durchdachte Gestalt, bis hin zu der Tatsache, dass Cal in Berlin, der einst geteilten Stadt, auf gutem Weg scheint, eine Partnerin seines Ungenügens (die erwähnte Julie) zu finden.
Aber gerade dieser doch eigentlich dramatische Vorgang kommt sehr beiläufig und banal daher. Wir glauben nämlich nicht, dass Cal wirklich unter seinem Anderssein leidet. Allzu fidel hat er uns über die steilen Pfade und schnellen Straßen seiner Geschichte vorangetrieben. Und das liegt eben daran, dass ihm die Dialektik fehlt. Sie entsteht, weil die Verhältnisse ewig unvollkommen, nämlich halbiert sind. Cal aber ist schon selber die (wenn auch kurios mangelhafte) Einheit, deren zugehörige, verfehlte Hälfte nicht gedacht werden kann. Selbst wenn wir den verstörenden Befund zwischen seinen Beinen, der uns ausführlich geschildert wird, für einen Augenblick vergessen, erscheint er uns nie als Opfer eines tragischen Geschicks, sondern als genügsamer und zugleich optimistischer Schmied seines Glücks.
Er ist eben, wie man auf Deutsch sagt, ein Zwitter. Und zwitterhaft ist auch dieser Roman. Man kann viel aus ihm lernen, man langweilt sich selten. Er braust auf breiten Reifen und mit erstaunlicher Kraft durch ein pittoreskes Gelände. Letztlich ist es eine Sache des Geschmacks (natürlich auch des Geldes oder der Zeit), ob man Sport Utility Vehicles oder SUV-Romane mag. Sie können in der Tat sehr viel. Aber zuweilen hat man den Eindruck, als könnten sie zu viel – und nichts davon richtig.
Jeffrey Eugenides: Middlesex Roman; aus dem Englischen von Eike Schönfeld; Rowohlt Verlag, Reinbek 2003; 733 S., 24,90 ¤MiddlesexBelletristikenglischeine Zeitreise aus der mythischen Landschaft Homers in die schöne neue Welt der GenetikJeffrey EugenidesBuchRowohlt Verlag2003Reinbek24,90733Eike Schönfeld- Datum 15.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 15.05.2003 Nr.21
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