Wie rot lackiert schien der Boden des Appartements im Kölner Gereonswall 48. Es roch leicht metallisch. Rotschwarz verschmiert waren Wände, Möbel und der Teppich, auf dem eine Männerleiche lag, nackt, auf dem Bauch, mit Einstichen, fast ausgeblutet. Für die Kölner Polizei ist der Mord an dem Steuergehilfen Stephan B. bereits der zweite in der Homosexuellenszene am Ebertplatz. Die Suche nach dem Täter, dem "Homo-Ripper von Köln" (Express), blieb bisher ohne Erfolg.

Die Polizei hat bislang nur einen einzigen Zeugen: das Blut am Tatort. Allein die Größe und Form einzelner Tropfen auf dem Boden, der Wand, der Decke geben Antwort auf zahlreiche Fragen: Welche Waffe hat der Täter benutzt? Mit welcher Wucht, welcher Geschwindigkeit ist das Blut gespritzt? Aus welcher Richtung kamen die Tropfen? Wo hat die Tat begonnen? "Für uns war es entscheidend zu wissen, in welcher Lage das Opfer angegriffen wurde", sagt Peter Schnieders, ehemaliger Leiter der Kölner Mordkommissionen. "Hat es gelegen, gekniet, gestanden?"

Bei einem Messermord wie in Köln gleicht der Tatort einem Schlachthaus: jede Menge Blut, ein Übermaß an Spuren. Und nur wenige lesen darin wie Mark Benecke. Bekannt geworden ist der 32-jährige Kölner Kriminalbiologe als "Madendoktor" (WDR) und "Kommissar Schmeißfliege" (stern), als Spezialist für Insekten auf Leichen. Die neue Faszination des umtriebigen Schnüfflers aber ist die Blutspuranalyse. Amerikanische Ermittler werden seit Jahren in dieser jüngsten Disziplin der Kriminaltechnik geschult. Nun, nach einer Ausbildung in bloodstain pattern analysis im New Yorker Department of Forensic Biology ist der Kölner Sachverständige für biologische Spurensicherung einer der wenigen in Deutschland, der nach Blutmustern Gerichtsgutachten erstellt.

Blutkissen in Schweineköpfen

"In Manhattan haben wir im Experimentierraum Haare mit Blut getränkt und auf Papier geschleudert und mit Baseballschlägern auf Schweineköpfe geschlagen, unter deren Haut Blutkissen genäht waren", sagt Benecke. "In Deutschland sind solche Experimente kaum denkbar. Sie sind aber notwendig, wenn man sehen will, wie sich Blut nach einem Aufprall im Raum verteilt."

Benecke, zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, ist ein analytischer Enthusiast, und er pflegt das Image eines modernen Sherlock Holmes mit Digitalkamera, trigonometrischem Berechnungsprogramm auf dem Laptop, häuslichem Experimentierraum und immer genug Litern Schweineblut vom Schlachthof im Kühlschrank. Um Tatortspuren nachstellen zu können, braucht der Kriminalbiologe mindestens ein Trinkglas, manchmal aber auch bis zu drei Liter Blut. "Weil ich wenige, aber komplizierte Fälle untersuche, versuche ich, jede Tat exakt nachzustellen", sagt er. Um genau den Pullover zu finden, der bei einem Raubmord blutige Abdrücke hinterlassen hat, kauft und testet er so lange, bis er den richtigen Garnmix gefunden hat, der das passende Muster ergibt. "Wenn ich einen blutigen Tatort betrete, bin ich wie ein Fährtenleser, der im Schnee nach Abdrücken sucht", sagt er. "Ich sehe einen umgekippten Stuhl, einen Schrank, der verschoben ist. Die Frage lautet immer: Was ist seltsam, was gewaltsam verändert?"

Morde sind meist Beziehungstaten, Tötungen im Affekt, Partnerkämpfe, Familiendramen, mit überschaubarem Täterkreis – anders als am Gereonswall. Die Blutspuranalyse liefert in der Regel nur Schlüsselinformationen über den Ablauf einer Tat, selten über den Täter. Manchmal haben die Ermittler Glück. "Im Blutrausch sticht der Täter häufig unkontrolliert zu und verletzt sich selbst, rutscht ab, weil er auf Knochen trifft, Oberschenkel oder Schulter, und weil sich das Opfer wehrt", erklärt Kommissar Schnieders. Doch meistens liefert die Blutspuranalyse, was die Amerikaner sense of a scene nennen, "Sinn für ein Geschehen". Dieser sagt etwas über die Bewegung von Opfer und Täter im Raum aus, nichts über deren Motivation. Das bleibt Interpretation – und fehlbar.

So klassisch diese Art der Spurensuche ist, so drastisch haben sich inzwischen die Methoden der Auswertung geändert. In den dreißiger Jahren klassifizierte der schottische Pathologe John Glaister erstmals Blut in verschiedene Kategorien: Tropfer, Spritzer, Lache, Fontäne und Wischer. In den Fünfzigern begannen Paul Kirk und der Chemiker Herbert MacDonell in New York mit Blutspurexperimenten. 1973 eröffnete MacDonell das erste Bloodstain Evidence Institute in den USA, bot Kurse an und veröffentlichte mit seinem Schüler, dem Toxikologen Stuart H. James, in den Achtzigern und Neunzigern Standardwerke.