Hätte Amerika nur ein ähnlich souveränes Verhältnis zum Bösen wie Antje Vollmer! Neulich, in der Berliner Volksbühne, als kaum bekleidete Frauen sich in menschengroßen Cocktailgläsern räkelten, Folklore-Nazis mit Mullbinden um den Kopf vor zart hingetupften Aquarellen geschundener Körper patrouillierten, als Menschen in Metzgerschürzen sich unter die lokale Prominenz mischten und auch sonst manches geboten war, während Marilyn Manson sein neues Album vorstellte, erklärte sie das Ganze kurzerhand zu exzellenter Kunst. Da blieb dem Satan bloß, gute Miene zu machen und ohne Skandal von dannen zu ziehen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks zeigt sich die Seelsorge weniger nervenstark. Wenn Marilyn Manson herannaht, erstarren die Guten, und die Zweifelnden ergreift Furcht. Fernsehprediger halten beschwörend die Bibel hoch, vor den Konzertarenen verteilt die Christenheit Flugblätter. Es heißt, einige Städte im Süden hätten Geld geboten für den Fall, dass er sie mit Auftritten verschonen möge – natürlich vergebens. Amerikas Söhne und Töchter freuen sich nach all den Jahren, in denen der Rock ’n’ Roll müde geworden war, über jeden Tabubruch, sie preisen seinen Namen und kaufen seine Platten. So kriegt der Teufel, was auch er dringend braucht: Publicity.

Der erste Jugendverderber der Nation, der Lieblingsfeind – das ist die Paraderolle des Mannes, der den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen eines Mörders führt. Gern würde er auch das alte Europa bekehren, das er sich als überhitzte Mischung aus Sexualgroteske und Weimar-Trash vorstellt, doch nur daheim nimmt man ihn wirklich ernst. Und auch dort ist sein Job schwer genug. Kunstblut, Lederstrapse, Auftritte im speckigen Stützkorsett – nach Antichrist Superstar, dem Großwerk von 1996, das ihm den Durchbruch in den Mainstream bescherte und schwer überbietbare Maßstäbe in puncto satanischen Stadion-Glamrocks setzte, wirkte Manson manchmal wie des ewigen Provozierens müde. Doch immer wenn die Fantasie zu erlahmen drohte, rüstete Amerika ihn großherzig wieder auf: zuletzt nach dem Highschool-Massaker von Columbine, als mangels besserer Erklärungen alle Finger auf ihn zeigten.

Der Hass – eindeutig eine Wachstumsbranche

Heute, wo Gottes eigenes Land sich von Feinden umstellt sieht, läuft das Geschäft wieder glänzend. Nicht nur auf den Schulhöfen geht die Angst um und treibt die dunklen Künste zu neuen Blüten. "Nie zuvor in meiner Karriere habe ich mich so stark kreativ gefordert gefühlt", schwärmte Manson kürzlich in einem Interview und skizzierte künftige Aufgabenfelder in Politik und Entertainment-Kultur. Der Hass: eindeutig eine Wachstumsbranche, man muss nur seine Mechanismen kennen und im richtigen Moment investieren. Und doch: Die kalte Fähigkeit zur Analyse zeigt uns zugleich einen Mann von Bildung und Geschmack.

Sympathy for the devil! Brian Warner, so heißt der Antichrist mit bürgerlichem Namen, ist kein stumpfer Agent provocateur, der einfach nur die gängigen Ressentiments bedient. Er weiß, was er tut – und macht sich seinen Reim auf die Verhältnisse. Man muss ihn in Bowling for Columbine gesehen haben, Michael Moores Oscar-gekrönter Dokusatire über eine Nation in Waffen. Wie er in voller Montur, mit Leichenschminke und milchiger Lieblingskontaktlinse im linken Auge entschieden weniger verrückt wirkt als all die anderen Irren, die diesen Film bevölkern, den Präsidenten der Vereinigten Staaten inbegriffen, wie er in klaren, wohlgesetzten Worten das Böse als Schatten des Guten beschreibt und die Abwehr als Funktion der Angst – Chapeau! Besser hätte Freud es auch nicht gekonnt. Einen posterboy of fear nennt er sich vor laufender Kamera und rät seinen Kritikern, der Jugend von heute lieber zuzuhören, statt sie zu verurteilen. Das leichte Grinsen dazu sagt so viel wie: Das Böse seid in Wahrheit ihr!

Tatsächlich, wer die Botschaft ernst nimmt, den Aufklärer unter der Teufelsfratze erkennt, kann aus seinen Werken so manches lernen. Über Kreuzzüge und Gegenkreuzzüge. Über den latenten Fundamentalismus eines Landes, das seine Missionen mit Feuer und Schwert verfolgt. Darüber, dass Amerika seine Feinde braucht, um sich selbst amerikanisch zu fühlen. Wie Moore, wenngleich mit drastischeren Mitteln, hält auch Manson seinen Landsleuten einen Spiegel vor, in den die moral majority ungern schaut, weil das Zerrbild der eigenen Kultur darin zu sehen ist, wie Moore ist er eine Art Chefankläger ohne institutionellen Auftrag. Dass er das Geschäft der Entlarvung mit der nimmermüden Energie eines Pubertierenden betreibt, lässt freilich ahnen, dass selbst der Lieblingsfeind einmal klein angefangen hat.

Als Marilyn Manson noch Brian Warner war und bei seinen Eltern in Canton, Ohio, wohnte, war er ein schüchterner Junge mit Sommersprossen. Nichts wies auf seine spätere Karriere hin, außer vielleicht die Ohrläppchen, die ihm "wie ein deplatzierter Hodensack am Haarschopf herunterhingen". Ein gutes Omen ist so etwas trotzdem nicht, wenn man im religiösen Süden Amerikas aufwächst, wo die Moral so streng ist wie die Sitten und Schullehrerinnen insgeheim vom Weltuntergang schwärmen. Wer außerdem Stunden damit verbringt, in einer Dachstube verpönte Heavy-Metal-Musik zu hören, gerät schnell in den Verdacht, kein vollgültiges Mitglied der Gesellschaft zu sein.