Der alltägliche Betrug
Die Wissenschaft verliert ihre Werte. Gegen den Verfall des Forschungsethos sind die Gutachter machtlos. Ein Gespräch mit dem Wissenschaftssoziologen Peter Weingart
Die Zeit: Vor sechs Jahren erschütterte der erste große Fälschungsfall die deutsche Wissenschaft. Warum war diese Erschütterung so nachhaltig?
Peter Weingart: Davor hatte sich die deutsche Wissenschaft immun geglaubt und den Betrug in der Forschung für eine ungute Eigenschaft des angelsächsischen Nationalcharakters gehalten. Diese Selbstgerechtigkeit wurde schon im Mai 1997 durch den Betrugsskandal Herrmann/Brach Lügen gestraft. Nicht ohne Häme betrachten die Angelsachsen diesen Fall als einen der schwersten in der Geschichte der Wissenschaft überhaupt.
Zeit: Die meisten Fälschungen wurden in der Biomedizin begangen. Sind andere Fachgebiete eher immun?
Weingart: Nein. Die Gemeinde der Physiker hielt sich immer für sicher und zeigte mit dem Finger auf die Biomediziner. Der Fall des deutschen Physikers Jan Hendrik Schön, der im vergangenen September Schlagzeilen machte, hat auch diese Illusion platzen lassen.
Zeit: Die Forschungsinstitutionen haben auf die Fälle reagiert und entsprechende Richtlinien erlassen. Kann man Fälschungen durch Vorschriften vermeiden?
Weingart: Die Richtlinien zur Sicherung guter Forschungspraxis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft, die das ohnehin Selbstverständliche in Ehrenkodizes gegossen haben, konnten bereits vier Jahre lang ihre Wirkung entfalten. Dennoch gibt es immer wieder neue Fälle. Offensichtlich schreckt die Gefahr der Aufdeckung durch Kontrolle nicht von Betrug im großen Stil ab.
Zeit: Wie gelangen gefälschte Daten in angesehene Wissenschaftsjournale?
Weingart: Im Zentrum der Diskussion steht immer wieder das Gutachtersystem. Wieso ist zum Beispiel der Betrug des deutschen Physikers Schön so lange den Gutachtern der renommiertesten und vorgeblich am schärfsten kontrollierten Zeitschriften entgangen? Noch nie sind so viele Artikel aus der Zeitschrift Science zurückgezogen worden, und das Gleiche gilt wohl für ihr britisches Pendant, Nature.
Zeit: Viele Zeitschriften scheinen aber gerade nach spektakulären Artikeln mit aufsehenerregenden Daten zu suchen.
Weingart: Der Herausgeber von Science, Donald Kennedy, wehrte sich gegen den Vorwurf, seine Zeitschrift sei zu sehr an flashy Artikeln interessiert und deshalb übereifrig, sie auf Kosten der sorgfältigen Prüfung zu publizieren. Er erklärte mehrfach, das Gutachtersystem sei damit überfordert, die Wissenschaft vor „geschicktem“ Betrug zu schützen. Im Übrigen sei sein Vertrauen in den Prozess der Qualitätssicherung nicht erschüttert. Dieser Zweckoptimismus mag im Interesse des Unternehmens liegen, beruhigen kann er kaum.
Zeit: Welchen Einfluss haben Fälschungen auf die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft?
Weingart: Der ehemalige MPG-Präsident Hubert Markl warnt zu Recht vor dem „enormen Vertrauensverlust“ für die Wissenschaft insgesamt. Keine andere Institution ist derart auf die Ehrlichkeit ihrer Mitglieder angewiesen wie die Wissenschaft. Garant dieser Ehrlichkeit ist aber das Gutachtersystem, die Peer-Review. Die Gutachter entscheiden darüber, welche Forschungsprojekte mit öffentlichen Mitteln finanziert und auch welche Artikel in den Fachzeitschriften veröffentlicht werden sollen.
Zeit: Gibt es zum Gutachtersystem keine Alternativen?
Weingart: Die Forschung ist so hochgradig spezialisiert, dass nur die jeweils kleine Gemeinde der Spezialisten, der Peers, wirklich beurteilen kann, ob die geplanten Projekte realistisch und interessant und die erreichten Ergebnisse von den Daten gestützt und neu sind.
Zeit: Aber auch Gutachter können irren.
Weingart: Eine Reihe von Untersuchungen hat bereits in den achtziger Jahren gezeigt, dass das Gutachtersystem längst nicht so verlässlich ist, wie ihm immer unterstellt wird. Bei einer experimentellen Untersuchung des Gutachtersystems verschiedener psychologischer Fachjournale wurden bereits veröffentlichte Artikel unter einem anderen Titel, Namen und einer anderen Adresse der Autoren und mit wenigen kosmetischen Textänderungen nochmals eingesandt. Neun von zehn Artikeln wurden von den Gutachtern nicht als schon zuvor publiziert erkannt. Die Mehrzahl der Gutachter lehnte bereits veröffentlichte und damit akzeptierte Artikel ab.
Zeit: Woran also orientieren sich die Gutachter? An der Adresse des Autors oder Antragstellers?
Weingart: Das stimmt. In einer Studie über mehr als zweieinhalbtausend Gutachten verschiedener Physikjournale über einen Zeitraum von sechs Jahren wurde deutlich, dass die Gutachter aus angesehenen Universitäten Kollegen aus ähnlich renommierten Institutionen erheblich günstiger beurteilen als diejenigen aus der akademischen Provinz.
Zeit: Aber wie ist das offensichtliche Versagen des Systems in Einzelfällen zu erklären?
Weingart: Die ohnehin überlasteten Gutachter können nicht in allen Einzelfällen Berechnungen prüfen, Versuche nachstellen, sich die Rohdaten beschaffen. Oft genug bewegen sie sich im Bereich der informierten Einschätzungen. Das ist nicht negativ, sondern im Gegenteil erstaunlich effektiv in der Steuerung der Entwicklung der Disziplinen, solange die Gutachterurteile nicht infrage gestellt werden.
Zeit: Das klingt wie ein Unfehlbarkeitsdogma für die Peer-Review.
Weingart: Die Wirksamkeit der Peer-Review besteht in ihrer symbolischen Funktion: Man stellt sich dem Urteil der Gutachter, so, als ob sie jeden Betrug erkennen würden, und man akzeptiert ihre Entscheidungen, als ob sie immer Recht haben, denn beim nächsten Mal ist man selbst in derselben Funktion. Genau diese Funktion erodiert seit geraumer Zeit.
Zeit: Woran liegt das?
Weingart: Für viele Forscher gilt inzwischen offenbar, dass sie den Wertekanon ihrer jeweiligen Tätigkeit nicht mehr fraglos akzeptieren und sich nach ihm richten, sondern in der harten Konkurrenz mit dem Rest der Welt immer geschickter werden im Übervorteilen der anderen und im Unterlaufen der Regeln.
Zeit: Gilt das nur für Spitzenforscher, die unter enormem Konkurrenzdruck arbeiten?
Weingart: Das beginnt viel früher. Aus verschiedenen Universitäten zuerst in den USA und Australien, jetzt auch in Deutschland wird über systematisches Plagiieren seitens der Studenten aus dem Internet berichtet, 15 bis 25 Prozent der untersuchten Seminararbeiten entstehen so regelmäßig per Mausklick. Zur Bekämpfung dieser Form des Betrugs gibt es wenigstens Computerprogramme. Eine nachträgliche Wiederherstellung des Unrechtsbewusstseins wird damit allerdings nicht zu bewirken sein.
Zeit: Wo sind die Grundwerte der Wissensenschaft geblieben: größtmögliche Objektivität, Transparenz, Reproduzierbarkeit der Ergebnisse…
Weingart: Die Wertekultur der Wissenschaft hat offensichtlich ihre prägende Wirkung schon in einem beängstigenden Maß eingebüßt. Die Maßstäbe werden woanders gesetzt: Die Nachrichten über die fahrlässige Erteilung von Millionenkrediten durch Bankdirektoren, Bilanzfälschungen durch die Manager von Großkonzernen und die absichtlich irreführenden Aktienprognosen von Analysten sind zum festen Bestandteil des öffentlichen Diskurses geworden. Ihnen gegenüber erscheinen die Betrugsfälle aus dem Elfenbeinturm ohnehin als Peanuts.
Zeit: Das erklärt noch nicht die steigende Zahl der Betrugsfälle.
Weingart: In der Wissenschaft geht es immer ähnlicher zu wie in der Wirtschaft. Es dominiert das, was Niklas Luhmann die „Orientierung am Symptom“ bezeichnet hat. Sie funktioniert etwa so: Der wahnsinnig clevere Dekan einer medizinischen Fakultät erklärt voller Stolz, dass er Stellenbewerber immer nach der Zahl der Publikationen und ihrer Wirkung, gemessen in Zitationen und dem Impact-Faktor, aussucht. Die nicht weniger cleveren Bewerber stückeln ihre Forschungsergebnisse in möglichst viele Artikel – das ist das Prinzip der „kleinsten publizierbaren Einheit“ – und streuen diese über die einschlägigen Zeitschriften.
Zeit: Aber das muss doch auffallen.
Weingart: Im Gegenteil. Im nächsten Berufungsverfahren fühlt sich der Dekan bestätigt. Die zahllosen Publikationen von 50 und mehr Bewerbern kann keine Kommission lesen, also orientiert man sich am Symptom: Zitate und Impact-Faktor.
Zeit: Warum fallen den engsten Mitarbeitern fälschender Forscher, den Vorgesetzten, den Koautoren manipulierte Daten so selten auf?
Weingart: Die Orientierung am Symptom unterliegt der Gefahr, sich zu verselbstständigen. Wieder ist das Beispiel Schön sehr lehrreich. Jan Hendrik Schön soll den Bell Labs von seinem Professor als sein bester Student empfohlen worden sein. Schöns Chef, Bertram Batlogg, verließ sich dann offenbar ebenso auf die – gefälschten – Traumergebnisse seines jungen Mitarbeiters wie Schöns übrige Koautoren. Die Bell Labs hingegen, in denen sich jedes Forschungsprojekt selbst rechnen muss, waren zu gern bereit, die Ergebnisse ihren Aktionären und den Medien mitzuteilen. Für sie galt sicher Batloggs Wort.
Zeit: Die Zahl der Publikationen nimmt beständig zu. Wie lässt sich diese Flut noch beherrschen?
Weingart: Nur sehr schwer. Die Orientierung am Symptom dient in der Wissenschaft wie überall anders auch dazu, die Kapazität der Informationsverarbeitung zu erhöhen. Wissenschaft unterscheidet sich von der Wirtschaft jedoch dadurch, dass es keine anderen Kontrollen für die Verlässlichkeit der kommunizierten Informationen gibt als die kompetente und im Prinzip kostenlose, weil gegenseitige Aufmerksamkeit aller ihrer Mitglieder. Das macht die Aufmerksamkeit zu einer Allmende.
Zeit: Aufmerksamkeit, Gewissenhaftigkeit, Gegenseitigkeit – das kann doch nicht funktionieren.
Weingart: Der Vorteil aller geht in dem Augenblick verloren, in dem einer beginnt, mehr Vieh auf die Weide zu treiben, als ihm zusteht. Dann versuchen nämlich alle, denselben Vorteil zu erlangen. Dieser Wendepunkt liegt jedoch schon einige Zeit hinter uns. Wir werden uns an Betrugsfälle in der Wissenschaft gewöhnen müssen. Und auch daran, dass wir von ihnen durch die Medien erfahren. Sie haben die Funktion der öffentlichen Kontrolle betrügerischen Verhaltens in der Wissenschaft schon längst übernommen.
Das Gespräch führten Ulrich Schnabel und Andreas Sentker
- Datum 15.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 15.05.2003 Nr.21
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