Am Anfang stand das Bedürfnis nach rigoroser Aufklärung – am Ende ein halbherziges Ergebnis und ein handfester Krach der Aufklärer untereinander. Ist das Scheitern deutscher Forschungsdetektive zwangsläufig?

1997 beruft die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine "Task Force" ein, die den Fälschungsskandal um den Krebsforscher Friedhelm Herrmann gründlich untersuchen soll. Als Leiter wird der Würzburger Zellbiologe Ulf Rapp bestimmt, der dank seiner Auslandserfahrung als unvoreingenommen gilt. Bald findet die Task Force nicht nur in Herrmanns Arbeiten, sondern auch in Publikationen von dessen ehemaligem Chef, dem Freiburger Gentherapeuten Roland Mertelsmann, eine Vielzahl von Fehlern. Auch die Mediziner Lothar Kanz und Wolfram Brugger geraten ins Kreuzfeuer. In zwei ihrer Publikationen "können Daten manipuliert worden sein, wobei in jedem Fall unwissenschaftlich gearbeitet wurde", stellt die Rapp-Truppe fest. Doch das Reizwort Manipulation unterstellt Vorsatz – und der lässt sich juristisch kaum nachweisen. Als die DFG den Bericht der Task Force auf einer Pressekonferenz vorstellen will, kommt es zum Eklat. Kanz und Brugger, die darauf beharren, es handle sich bei den Fehlern um unabsichtliche Versehen, drohen per Anwalt mit einer einstweiligen Verfügung. Die DFG fürchtet, ihre Pressekonferenz könnte platzen – und streicht in letzter Minute den heiklen Begriff Manipulation.

Ulf Rapp fühlt sich düpiert. Das Verhältnis zwischen ihm und der DFG bessert sich auch nicht, als Rapp auf einem Internistenkongress als Müllmann verkleidet auftritt und den Medizinern vorwirft, er müsse für sie den Dreck wegräumen. Und es kommt vollends zum Zerwürfnis, als vertrauliche Details von Rapps Untersuchung in die Presse gelangen und daraufhin Kanz und Brugger der DFG mit juristischen Schritten drohen.

Am Ende veröffentlicht die DFG als Herrin des Verfahrens im Mai 2001 eine Presseerklärung. Darin wird Mertelsmann scharf gerügt. Kanz und Brugger aber, die mittlerweile an der Universität Tübingen arbeiten, werden vom Vorwurf der bewussten Fälschung entlastet – ein Urteil, das an der Universität Tübingen umgehend als Freispruch gefeiert wird. Ulf Rapp schäumt. Auch der Strafrechtler Albin Eser, der eine Untersuchungskommission der Universität Freiburg geleitet hatte, wundert sich: Schließlich ist in seinem Abschlussbericht eindeutig nachzulesen, dass Kanz und Brugger "wissentlich falsche Angaben" gemacht hätten.

Auf Nachfrage erklärt die DFG, die Krebsmediziner hätten in einem vertraulichen Gespräch in Bonn neue Daten vorgelegt, die sie entlasteten. Zudem seien die beiden durch die Presseberichte schon genug gestraft. So kommt es, dass die DFG zu den Vorwürfen gegen Kanz und Brugger nicht einmal einen Abschlussbericht veröffentlicht. Dafür aber hätten die Mediziner in einer Fachzeitschrift ein Erratum publiziert, verteidigt DFG-Generalsekretär Rainer Grunwald das Vorgehen: "Das ist genau das, was das Ziel war".

Danach wird reihum die Schuld verteilt. Ulf Rapp wirft der DFG vor, wissenschaftliches Fehlverhalten zu verharmlosen. DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker tadelt die Freiburger Universität für die "dienstrechtliche Folgenlosigkeit der Vorgänge um Professor Mertelsmann", der trotz der DFG-Rüge zum Geschäftsführenden Direktor der Universitätsklinik gewählt wurde. In Freiburg verweist man auf das Stuttgarter Wissenschaftsministerium, das disziplinarrechtlich nicht tätig wurde. Und das wiederum begründet seine Passivität mit juristischen Hürden und dem Votum der DFG.

Aufklärer wie der Strafrechtler Albin Eser sind über diesen "Eindruck weitgehender Sanktionslosigkeit" entsetzt. Nur der Karriere der Betroffenen hat es offenbar kaum geschadet: Lothar Kanz ist heute Chefarzt in Tübingen, Wolfram Brugger in Villingen-Schwenningen. Und Roland Mertelsmann wurde erst kürzlich von der Universität Freiburg als Moderator für eine Podiumsdiskussion vorgeschlagen. Thema: "Ethik in der Medizin" . wb/bel