Der Krieg geht weiter. Einen Monat nach dem Sieg über Saddam Hussein sterben in Saudi-Arabien auf einen Schlag fast so viele Menschen wie US-Soldaten im ganzen Irak-Krieg. Das Bombenattentat in einem Ausländer-Wohnviertel von Riad hat nach US-Angaben am Dienstag über neunzig Tote und Hunderte Verletzte gefordert, Amerikaner, Europäer, Asiaten. So stellen sich islamische Extremisten den Dschihad vor: den bewaffneten, heiligen Kampf gegen die Amerikaner und ihre Helfershelfer. Was hilft gegen die Terroristen, wenn nicht mal die Eroberung Afghanistans und Iraks ihren Aktionsradius begrenzt?

Amerikanische Politiker rühmen sich, das Gegengift längst gefunden zu haben. "Demokratie" heißt das Allheilmittel aus den US-Labors zur Gesundung des Nahen und Mittleren Ostens. Seit der Aufteilung des Osmanischen Reiches durch Briten und Franzosen im Ersten Weltkrieg hatte keine Großmacht so viel Gestaltungsmacht im Nahen Osten. Nun also Freiheit als Therapie gegen den Terror? Die skeptischen Rufer aus Westeuropa, die meinen, Länder ohne Renaissance und Aufklärung seien zur Demokratie nicht befähigt, werden nicht gehört. Sie haben keine Truppen im Irak und vor allem: keine bessere Idee.

Die "Demokratisierung" schreitet derweil hurtig voran. Schauplatz war in der vergangenen Woche die nordirakische Stadt Mossul im zukünftigen polnischen Sektor. Da die Polen noch nicht in gewünschter Schlagkraft angetreten sind, hat ein amerikanischer General schon einmal Wahlen abhalten lassen. Ein Gremium von wohlverlesenen Wahlmännern bestimmte einen Bürgermeister, einen irakischen General. Er ist sunnitischer Araber, wahrscheinlich mit verbranntem Parteibuch der Baath-Partei von Saddam Hussein. Seine Stellvertreter sind ein Kurde, ferner ein christlicher Assyrer und ein Turkmene.

Natürlich gab es Reibereien nach der Abstimmung: Warum ausgerechnet ein General, warum nur so wenig Wahlmänner? Das aber ging fast unter im täglichen Gezänk im Irak. Da fließen Strom und Wasser nur in spärlichen Raten, derweil die Plünderungen weitergehen. Die US-Regierung hat reagiert und drei hohe amerikanische Beamte abberufen, die im Irak mit dem Wiederaufbau betraut waren. Doch bei den Wahlen gibt es noch einen böseren Vorwurf als den des Versagens: Absicht. Im multi-ethnischen Mossul wurde gewählt, sagen Iraker, aber nicht im schiitischen Nadschaf. Dort setzten die Amerikaner per Dekret einen Gouverneur ein. Der Verdacht: Schiitischen Geistlichen und Islamisten aller Art solle so der Weg an die Macht versperrt werden. Ein theokratischer Iran reiche den USA.

An dieser Stelle muss gefragt werden: Was ist überhaupt Demokratisierung? Beginnt sie zwingend mit Wahlen? Wie sieht der Bauplan für einen demokratischen Staat im Nahen Osten aus?

Wo tote Seelen wählen gehen

Die amerikanische Nichtregierungsorganisation Freedom House erklärt immerhin 120 von 192 Ländern der Welt zu "Demokratien mit freien Wahlen". Dazu gehört Russland, wo für Staatschef Putin neben real existierenden Wählern auch überraschend viele tote Seelen gestimmt haben. Die Ukraine ist dabei, wo des Präsidenten Gehilfen schon mal einen Mord für die Sicherung der Mehrheit verüben.

Autoritäre Staatsgebäude mit einem bunten demokratischen Blumenkasten am Fenster sind der arabischen Welt nicht fremd. Manche Araber kennen Wahlen seit der Gründung ihrer Nationalstaaten. Die Ägypter haben zwischen 1923 und 1952 17-mal gewählt. Zur Bestürzung der britischen Demokratie-Geburtshelfer gewann meist die nationalistische Wafd-Partei. Dass Wafd jedoch dauerhaft regierte, wusste stets eine große Koalition aus dem britischen Hochkommissar, dem König und kleineren Parteien zu verhindern. Wenn das Volk nicht wie gewünscht abstimmte, empfahl sich als kleiner Kniff eine Änderung des Wahlgesetzes. Was damals in Ägypten erprobt wurde, wird heute in Jordanien praktiziert, um die Islamisten kurz zu halten.