Vom Bühnenhimmel sinkt Steinstaub. Er zeichnet im Sinken eine schwebende Kurve ins Licht, drei Stunden lang. Der Staub ist der Großdarsteller dieser Inszenierung; von seiner Macht und Geduld erzählt der Regisseur Klaus Michael Grüber zur Eröffnung der Wiener Festwochen. Von Menschen erzählt er nicht. Der Staub bedeckt die Bühne und die Schauspieler, er wallt bei jedem Schritt, und wer hinfällt, wirbelt ihn zur Wolke auf und genießt ihn auf Lunge.

Die Bühne im Burgtheater soll Kolonos im Land der alten Griechen zeigen; Ödipus geht von hier ins Totenreich. Eigentlich liefert die Bühne aber nur den ausschnitthaften Blick in eine gewaltige Staubmühle, also in eine Knochen- und Hautraspel, durch die alle Menschen müssen. Wir sehen einen der angenehmeren Bereiche der Mühle, eines der oberen Stockwerke; hier hat der Staub die Luft noch nicht verfinstert. Zwar scheint keine griechische Sonne, aber es ist schön dämmrig: So muss das Licht in einer Sanduhr sein, unterm Rinnsal aus Körnern.

Weiter unten, in den tieferen Geschossen der Mühle, werden der Staub dann unerträglich und die Finsternis entsetzlich sein. Da drunten ist der Hades, das unendliche Kissen aus Staub.

Dort hinunter will der greise Ödipus, Mörder seines Vaters und Schwängerer seiner Mutter, dem das Orakel gesagt hat, dass er hier Ruhe finden werde und "Entsühnung".

Die Götter warten schon

Ödipus in Kolonos ist in der Geschichte der griechischen Tragödie das Endspiel. Sophokles vollendete es 20 Jahre nach dem König Ödipus als 90-Jähriger, 406 vor Christus. Er starb kurz darauf, und man darf das Stück als sein künstlerisches Testament deuten. Es enthält den seit jenen Tagen endlos variierten Kernspruch der Weltverneinung ("Nie geboren sein, übersteigt alles, was nur irgend zählt"), aber es hat einen versöhnlichen Schluss: Ödipus, der von den Göttern Gequälte und Ausgespieene, wird am Ende von seinen Peinigern als Heros, als bevorzugtes Ehrenmitglied im Jenseits empfangen.

Am Burgtheater hat Anselm Kiefer die Bühne gestaltet. Kiefer lässt den Staub, den Sand, die Aschen und die Kreiden sprechen, und sie sprechen hinter dem Rücken der Menschen. Was sie uns künden, ist niederschmetternder als all die schweren Zeichen (Blitz, Donner, Erdbeben) und Orakelsprüche, die uns die griechischen Götter zukommen lassen: Von Göttern gemacht, werden wir von Göttern zermahlen.

Kiefer ist ein deutscher Großkünstler, dessen Werk ohne Menschen (ohne Gesichter) auskommt. Er, der seine schöpferische Existenz als ein endloses Nach-innen-Sehen inszeniert, hat einen wahrhaft "blinden" Raum geschaffen. Gegen den muss Bruno Ganz nun ansprechen. Er spielt Ödipus, den Blinden, von den Söhnen (seinen Brüdern) Verstoßenen, der Augen hat wie aufgepickte Schoten. Seit vielen Jahren, gestützt und geführt von seiner Tochter (und Schwester) Antigone, wandert er durch attischen Staub, seinem Grab entgegen.