GeschichteStalins treue Vasallen

Die Thälmann-Affäre 1928: Eine Schlüsselepisode in der Geschichte des Kommunismus von 

Ende August 1928 wartete der die Zeitung des linkskommunistischen Leninbundes, mit einer sensationellen Enthüllung auf: Danach hatte der Politische Leiter des Bezirks Wasserkante der KPD, John Wittorf, Parteigelder unterschlagen. Sein Freund, der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann, hatte davon nicht nur gewusst, sondern versucht, die Korruptionsaffäre zu vertuschen. Das Zentralkomitee der KPD reagierte prompt: Am 26. September fasste es den einstimmigen Beschluss, Thälmann einstweilen seiner Funktion als Parteichef zu entheben und die Sache zur endgültigen Entscheidung an das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) zu überweisen. Der Fall erregte beträchtliches Aufsehen. Der sozialdemokratische machte seine Abendausgabe vom 27. September mit der Schlagzeile auf: "

Doch dann griff Stalin ein. Der neue Kreml-Herr sah in seinem treuen Gefolgsmann in Deutschland einen Garanten für die Durchsetzung der "ultralinken Wende", wie sie gerade auf dem sechsten Weltkongress der Kommunistischen Internationalen in Moskau beschlossen worden war. Bereits wenige Wochen nach seinem Sturz wurde Thälmann rehabilitiert und wieder in sein Amt als Vorsitzender eingesetzt. Das war das Signal für eine "Säuberung" der Partei von den so genannten "Rechten" und "Versöhnlern". Thälmann, der sich von der Propaganda als großer "Führer" feiern ließ, war nun vollkommen von Stalin abhängig und auf dessen Strategie eingeschworen. Die verhängnisvolle "Generallinie", die in den als "Sozialfaschisten" diffamierten Sozialdemokraten, nicht aber in den Nationalsozialisten den "Hauptfeind" erkannte, bestimmte die KPD-Politik in den letzten Jahren der Weimarer Republik. Sie sollte nicht unwesentlich zu deren Untergang beitragen.

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In der DDR, die Thälmann zu einem ihrer Gründerväter zählte, wurde die "Wittorf-Affäre" lange Zeit beschwiegen oder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt dargestellt. Nun haben die Kommunismusforscher Hermann Weber und Bernhard H. Bayerlein eine Dokumentation herausgegeben, die es erlaubt, die Hintergründe, Umstände und Folgen des Politskandals genauer in den Blick zu nehmen. Ein Großteil der hier zum ersten Mal veröffentlichten Quellen stammt aus dem Komintern-Archiv und dem Archiv des ZK der KPdSU in Moskau, die erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion westlichen Historikern zugänglich wurden. Besonders aufschlussreich sind die Korrespondenzen aus dem Stalin-Fonds. Sie enthüllen ein geheimes personelles Netzwerk, mittels dessen der Generalsekretär der KPdSU sowohl die Komintern als auch die KPD seinen Machtinteressen unterwarf.

Hasserfüllte Fraktionskämpfe

Im Detail kann nun rekonstruiert werden, wie die Rehabilitierung Thälmanns zustande kam. Am 28. September setzte Molotow, Stalins Intimus, den im Kaukasus weilenden Kreml-Chef über den "riesigen Skandal" in der KPD in Kenntnis und erbat seinen Rat. Zwei Tage später sandte er weitere Informationen und gab zugleich die ideologische Richtung für die Bereinigung der Affäre vor: Hinter dem Vorgehen gegen Thälmann verberge sich "eine ganz gemeine politische Intrige" der "Rechten" und "Versöhnler". In einem Telegramm vom 1.Oktober schloss Stalin sich dieser Sprachregelung an: Zwar habe der KPD-Vorsitzende einen "groben Fehler" begangen, als er Wittorfs Machenschaften deckte, doch habe er dabei "uneigennützig" gehandelt, von dem Wunsch geleitet, der Partei einen Skandal zu ersparen. Mit diesem Machtwort war Thälmann faktisch exkulpiert. Das Präsidium des EKKI beschloss am 6. Oktober, die Entscheidung vom 26. September rückgängig zu machen. Es sprach Thälmann "das volle politische Vertrauen" aus und verlangte Maßnahmen, "um alle fraktionellen Gruppierungen in der Partei zu liquidieren". Damit hatte das Führungsorgan der Kommmunistischen Internationalen sich zum Werkzeug Stalins gemacht. Und nun fielen auch die "Linken" im Politbüro und ZK der KPD um und scharten sich wieder um ihren Vorsitzenden.

Die Dokumente werfen ein erschreckendes Licht auf die Zustände innerhalb der damaligen KPD-Führung. Es herrschte ein Klima des allgegenwärtigen Verdachts und der gegenseitigen Denunziation. Von Solidarität, wie sie öffentlich so gern beschworen wurde, keine Spur. Stattdessen tobte hinter den Kulissen ein hasserfüllter Kampf der verschiedenen Fraktionen gegeneinander, wobei die Anhänger der jeweiligen Moskauer Linie am längeren Hebel saßen. Eine besonders deprimierende Lektüre sind die Briefe Thälmanns an Stalin: Sie zeigen den ehemaligen Hamburger Hafenarbeiter als einen engstirnigen Funktionär, dessen verbale Kraftmeierei nur noch durch servile Beflissenheit übertroffen wurde.

Als einer der zuverlässigsten Vasallen Stalins erwies sich damals auch schon Walter Ulbricht, der bereits am 1. Oktober 1928 gegen die Absetzung Thälmanns Protest einlegte. Seine Briefe an dasSekretariat des EKKI lesen sich wie Spitzelberichte der Politischen Polizei. Dabei scheute er auch nicht davor zurück, langjährige Weggefährten wie Wilhelm Pieck wegen politischer "Unzuverlässigkeit" anzuschwärzen.

Demgegenüber nimmt sich Clara Zetkin, die alte Revolutionärin und Vertraute Rosa Luxemburgs, im Spiegel dieser Edition wie eine Lichtgestalt aus. Im September 1927 beklagte sie gegenüber Nikolaj Bucharin – auch er später einer der Opfer der Stalinschen "Säuberungen" – die "Kliquentreibereien", die das ganze Parteileben vergifteten. Thälmann, "kenntnislos und theoretisch ungeschult", sei in "kritikloser Selbsttäuschung und Selbstverblendung" befangen, "die an Größenwahn grenzt". Und in einem Brief an den befreundeten Schweizer Kommunisten Jules Humbert-Droz, der aus Protest gegen die Behandlung der Thälmann-Affäre sein Amt in der Komintern aufgegeben hatte, schrieb sie im März 1929: "Ich werde mich völlig einsam und deplaziert fühlen in dieser Körperschaft, die sich aus einem lebenden, politischen Organismus in einen todten Mechanismus verwandelt hat, der an der einen Seite diese Befehle in russischer Sprache einschluckt und auf der anderen Seite diese Befehle in verschiedenen Sprache ausspuckt…"

Die Probe nicht bestanden

Zu Recht sehen die beiden Herausgeber in dem Skandal um Ernst Thälmann eine Schlüsselepisode in der Geschichte des deutschen und internationalen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD kam damit zu einem Abschluss. Die letzten Reste innerparteilicher Demokratie waren vernichtet. "So wie die Partei heute ist", bemerkte Jacob Walcher, einer der bald darauf ausgeschlossenen "rechten" Abweichler, im März 1928, "wird sie keine geschichtliche Probe bestehen, sie wird schmählich versagen." Die Prognose sollte sich nach Hitlers Machtantritt bewahrheiten.

Thälmann wurde bereits am 3. März 1933 festgenommen. Er verbrachte elf Jahre in NS-Kerkern, bevor er 1944 im KZ Buchenwald ermordet wurde. Stalin zeigte wenig Interesse am Schicksal seines Gefolgsmannes. Auch nach dem Pakt mit Hitler im August 1939 tat er nichts für die Freilassung des KPD-Vorsitzenden. Bayerlein schließt nicht aus, dass der sowjetische Diktator den prominenten Häftling "bewusst den Nationalsozialisten überlassen" habe.

Der Thälmann-Skandal Geheime Korrespondenzen mit Stalin; hrsg. von Hermann Weber und Bernhard H. Bayerlein; Aufbau Verlag, Berlin 2003; 368 S., 22,50 ¤Der Thälmann-SkandalSachbuchGeheime Korrespondenzen mit StalinHermann Weber und Bernhard H. Bayerlein (Hrsg.)BuchAufbau Verlag2003Berlin22,50368
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