Die Zeiger auf zwölf

St. Petersburg ist Russlands Hauptstadt, allerdings eine Hauptstadt im Ruhestand. Heute findet alles in Moskau statt. In St.Petersburg dagegen geschieht alles. Mir geschah es, dass ich im April nach St. Petersburg fuhr, kurz vor Ostern. In der Nacht angekommen, war ich darauf gefasst, am Morgen dichten Nebel zu erblicken, einen grauen Himmel, düstere Straßen und nur vage zu erahnende Konturen von Gebäuden an trüben, feuchten Plätzen. Jeder weiß, dass St. Petersburg zu jeder Jahreszeit so ist. Nur der Schnee im Winter hellt die Finsternis ein wenig auf. Doch ich erwachte von strahlendem Sonnenschein.

Ich war zuvor schon häufig in St. Petersburg gewesen, doch Sonne sah ich hier zum ersten Mal. Von Neugier geplagt, eilte ich auf die Straße, um die altvertrauten Orte in der einmaligen Beleuchtung zu sehen. Neben dem Spaziergang hatte ich auch etwas zu erledigen – eine Kleinigkeit, wie ich meinte: Ich wollte auf der Post ein Einschreiben abschicken. Für den Abend war ich eingeladen. Ich hatte also jede Menge Zeit. Ich ging hinaus auf den Prospekt, der zum Platz der Verfassung führt und zugleich auch zur Post. Mein Blick fiel auf das Zifferblatt der Uhr eines winzigen Kinos. Beide Zeiger waren auf der Zwölf erstarrt, obwohl es bis Mittag noch lange hin war. Na ja, so was kommt vor, dachte ich flüchtig, hingerissen von einem einzigartigen Anblick. Die Sonnenstrahlen schossen pfeilgerade durch den Prospekt, der ganz im "Stalin-Empire" bebaut war. Das Spiel von Licht und Schatten auf Balustraden, zwischen Säulen mit verschnörkelten Aufsätzen und in den Torbögen machte die scheußlichen Bauten zu einem pompösen, furchteinflößenden architektonischen Ensemble. Ich lief den Prospekt entlang bis zur Post, und da begann das Problem. Die Türen der Post waren verschlossen, und Farbspuren an den Fenstern verrieten, dass hier renoviert wurde. "Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen", stand auf einem Schild an der Tür. Na ja, auch das kommt vor, entschied ich. Fahre ich eben ins Zentrum; das will ich sowieso sehen.

Ich bog ab zur Metro und stieß auf einen Glaskasten für Werbeplakate mit einer Uhr oben drauf. Beide Zeiger ragten einträchtig steil aufwärts. Unwillkürlich erschaudernd – die Zeit schien stehen geblieben – lief ich zu den Zügen. Bereits nach 20 Minuten stand das altehrwürdige Gebäude des Moskauer Bahnhofs, des ältesten Bahnhofs in Russland, vor mir wie ein herausgeputztes Kinderschloss. Spitze Türmchen, pfeilförmige Fenster, die Wände in einem fröhlichen Rosa – alles war hell und heiter und ließ an freundliche Märchen aus nordischen Ländern denken. Manches gefiel mir auch nicht, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass hier auf jeden Fall eine Post sein musste, wenngleich auch hier die Uhr Punkt zwölf zeigte. O weh! Am Informationsschalter verwies man mich merkwürdigerweise an die Gepäckaufbewahrung, und dort erklärte mir eine nette Oma, die in dem (zugegeben, leicht staubigen) Sonnenstrahl aussah wie eine Fee, es habe hier tatsächlich einmal eine Post gegeben, aber sie sei mangels Bedarfs geschlossen worden. Aber wenn ich ein Stück die Gontscharnaja-Straße entlangliefe, dann in die Höfe einböge und die Stufen hochstiege zum Staro-Newskij-Prospekt, da würde ich unterwegs auf eine Post treffen. Allerdings sei sie nur werktags geöffnet. O weh, o weh! Es war Sonnabend.

Leicht verstimmt verließ ich die Fee und ging hinaus auf den Ligowskij-Prospekt. Er ist ziemlich breit und düster, der dominierende Farbton ist Ziegelrot. Eine Straßenbahnlinie teilt die sechsspurige Fahrbahn. Doch die Trottoirs sind menschenleer. Zum ersten Mal war ich ratlos. Die Mittagsstunde war sicherlich schon vorbei, obwohl die Bahnhofsuhr störrisch darauf verharrte, es sei denn, sie meinte Mitternacht, doch wo sich eine Post befand, wusste ich noch immer nicht. Ich lief weiter und versuchte mit einem Blick zu erfassen, wer von den Passanten echter Petersburger war. Doch die Art, wie sich alle, die mir entgegenkamen, umsahen, sagte mir, dass die Gegend ihnen wohl kaum vertraut war. Schließlich begegnete mir eine weitere Fee – jünger als die erste, passend zum reifen Tag –, und bestätigte mir, dass ich in die falsche Richtung lief. An der Kreuzung Ligowskij und Newskij sei eine Post. Ergeben kehrte ich um. Ich war schon ein wenig erschöpft und lief ohne die ursprüngliche Energie. Doch da war auch schon der Newskij. An den verschiedenfarbigen alten Wänden prangten neue bunte Schilder. Die Sonne stand im Zenit, doch die Schilder strahlten im Neonlicht, eins fröhlicher als das andere. Eine Bank, eine Apotheke, noch eine Bank, ein Laden… Es wurden immer mehr Menschen, ich kam immer schwerer voran. Ich begriff nicht gleich, dass ich schon eine ganze Weile mitten in einer Menschenmenge schwamm, während noch immer keine Post auftauchte. Eine Post gab es zwar nicht, doch dafür jede Menge Petersburger. Der leicht erdige Teint, kombiniert mit dunkler Kleidung, ließ keinen Zweifel. Ich entschied mich für einen alten, lebenserfahrenen Mann mit stiller Trauer im Blick. "Ja, junger Mann", sagte er zu mir, "hier war mal eine Post, das stimmt. Vor zehn Jahren. Aber jetzt, Sie sehen ja selbst: lauter Banken und Cafés, dieser ganze Unsinn. Aber die Post, die haben sie zugemacht." Doch da – welche Freude! – tauchte vor mir ein gebogenes goldenes Horn auf: das in St. Petersburg übliche Postsymbol.

Allerdings auf der anderen Straßenseite, während auf dieser Seite… Ich gestehe: Ich schaute einfach weg. Nein, nicht zum fünften Mal eine Uhr mit auf der Zwölf erstarrten Zeigern! Ich hatte schon zu vieles gesehen, und im Sonnenlicht allzu deutlich. Das 18. Jahrhundert, das 19., das 20. und das 21. – sie waren zu einem Ganzen verschmolzen, sie alle waren hier gegenwärtig. Nur die Zeit existierte nicht mehr, wie in der schrecklichen Prophezeiung des Johannes. Ich tauchte rasch ab in den Fußgängertunnel. Das Posthorn verschwand nicht, während ich auf dem Weg zu ihm war, wenngleich ich mit dieser Möglichkeit durchaus gerechnet hatte. Es war noch da, daneben allerdings, an der Tür, hing ein Schloss, und ein höflicher Zettel bat freundlich: "Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen…" Ich fürchte, ich habe aufgeschrien. Dann schwenkte ich aufgeregt die Arme und hielt wahllos jeden an: "Wo? Wo, um Himmels willen?! Wo ist die Hauptpost?!" Eine blutjunge Fee lächelte mich bezaubernd an. "Aber das ist doch ganz einfach! Warum schreien Sie so? Sie ist da, wo sie immer war." – "Wo?!" – "In der Poststraße."

Der Abend brach an. Feuchte Luft kroch von der Newa heran und stieg die granitenen Kanalwände hinauf. Das Abendlicht war geisterhaft, der weiße Mond warf einen geheimnisvollen Schein auf Dächer und Hauswände. Die Hauptpost war an ihrem Platz. Genau wie der Zettel: "Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen…" Beinahe hätte ich die Aktentasche fallen gelassen. Doch die Renovierungsarbeiten betrafen – dem Allmächtigen sei Dank! – nur einen Teil des riesigen alten Saals mit der holzgetäfelten Galerie und den holzgeschnitzten Arkaden. Ich stellte mich in die Schlange vor dem Schalter "Kopien und Faxe", der vorübergehend den Schalter für Einschreiben vertrat, und schickte meinen Brief ab. Anschließend stürmte ich im Laufschritt zur Metro, vorbei an fröstelnden, sich umarmenden Pärchen. Ja, es gab in dieser Stadt Frühling, es gab Liebe, und es gab schließlich sogar ein Postamt. Doch zu meinen Gastgebern kam ich zu spät.