Pjotr Tschagin hat für seine Siege im Großen Vaterländischen Krieg viele Orden bekommen. Einen hält der alte Frontsoldat besonders in Ehren: die Medaille "Für die Einnahme Königsbergs". Die einstige Hauptstadt Ostpreußens, an deren Erstürmung er teilnahm, fiel nach dem Krieg an die Sowjetunion, heißt seither Kaliningrad und wurde Tschagin zur zweiten Heimat. Dass heute wieder Deutsche in die jahrzehntelang hermetisch abgeschottete Region kommen, damit kann er leben. Die Diskussion aber, der Stadt ihren alten Namen zurückzugeben, bringt den Veteranen in Rage. "Dies ist und bleibt Kaliningrad. Königsberg gibt es nicht mehr, Königsberg ist Geschichte."

Mit der Geschichte freilich ist das so eine Sache im alten Ostpreußen. Schon von den sowjetischen Machthabern ließ sie sich nicht totschweigen, und nun ist diese Geschichte plötzlich wieder sehr aktuell: In zwei Jahren steht Kaliningrad ein großes Jubiläum ins Haus. 750 Jahre wird es dann her sein, seit Ritter des Deutschen Ordens auf einem heidnischen Hügel namens Twangste am Pregelstrom eine Burg gründeten und diese zu Ehren ihres Heerführers, des Böhmenkönigs OttokarsI., Königsberg nannten. Doch je näher der Jahrestag rückt, desto heftiger und absurder wird darum gestritten.

Denn der historische Name der Stadt soll in den offiziellen Verlautbarungen der Feierlichkeiten nicht fallen – ganz wie zu Zeiten, als die deutsche Vergangenheit der Beuteprovinz ein Tabu war. Die russische Zentralbank plant für 2005 eine Sondermünze "750 Jahre Kaliningrad". Und demonstrativ ließ der Kreml die Jubelfeier auf den 4. Juli legen: An diesem Tag im Jahre 1946 hatten die Sowjets die Stadt nach Stalins nominellem Staatschef und Kampfgefährten Michail Kalinin umbenannt.

Nun steckt das vom Gebietsgouverneur Wladimir Jegorow ins Leben gerufene "Koordinierungskomitee" zur Vorbereitung der Festtage gehörig in der Klemme. Für den Kompromiss, das Jubiläum dann doch "750 Jahre Kaliningrad-Königsberg" zu überschreiben, hatte Moskau nur ein kaltes njet übrig. Seither treibt die Suche nach einem Namen für die Geburtstagsfeier bizarre Blüten. Vorläufiger Höhepunkt im philologischen Findungsprozess: "60 Jahre Sturm auf Königsberg. 750 Jahre unsere Stadt". Es könnte noch schlimmer kommen. Dieser Tage erhielt Gouverneur Jegorow einen Brief aus der Hauptstadt, in dem der Vorsitzende der Regierungsabteilung für regionale Entwicklung klarstellt: Nicht das mittelalterliche Gründungsdatum habe im Mittelpunkt zu stehen, sondern die Erstürmung der Hitler-Festung durch die Rote Armee. Und man möge doch nicht immer nur Immanuel Kant, sondern stattdessen berühmte Söhne Russlands ehren, die mit der Geschichte der Ostseemetropole in Verbindung ständen: "Peter den Großen zum Beispiel".

Eines habe der Streit schon erreicht: Die Arbeit am Festprogramm liege praktisch auf Eis, klagt Wladimir Michailow, Abteilungsleiter für internationale Angelegenheiten in der Kaliningrader Gebietsverwaltung. So euphorisch, wie Michailow sich anfangs ans Werk machte, schon die Restaurierung Königsberger Denkmäler planend, ein Schriftstellertreffen und die große Festparade, so verzweifelt wirkt er jetzt. "Die Zeit rennt uns weg mit dieser absurden Diskussion." Beinahe neidisch blickt Michailow nach St. Petersburg, wo der 300. Geburtstag der Stadt zu einem nationalen Projekt geworden ist. Er selbst plädiert dafür, beide Namen zu nennen: "Wir leben hier heute in Kaliningrad. Aber man kann nicht einfach ignorieren, dass diese Stadt über Jahrhunderte Königsberg hieß."

Doch weil für einen solchen Entschluss niemand die Verantwortung übernehmen will, läuft es nun, wie es immer läuft, wenn es nicht läuft in Russland: Man wartet. In diesem Fall auf ein Machtwort. In Sachen Königsberg muss das vom Präsidenten kommen. Wladimir Putin nannte die Stadt Kants schon mehrmals öffentlich bei ihrem historischen Namen – so im Rahmen des "Petersburger Dialogs", wo er das nahende Jubiläum als Kulturereignis europäischer Dimension würdigte. Auf sein Geheiß stellte die Regierung inzwischen sogar einen Finanzierungsrahmen auf. Demnach will der Kreml die gigantische Summe von rund 200 Millionen Euro in die Feier investieren.

Der bizarre Eiertanz um die 750-Jahr-Feier geht einher mit einer immer lauter werdenden Diskussion um die Rückbenennung der einstigen Preußenmetropople. Vehement fordert die vor einem Jahr gegründete russische Bürgerinitiative "Pro Königsberg", Kaliningrad zum Jubiläum den alten Namen zurückzugeben: "Das wäre das beste Geschenk für unsere alte und ehrwürdige Stadt." Auch der bekannte Sprachforscher Wladimir Toropow, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, plädiert offen für Königsberg. "Russland kehrt besser von sich aus zur alten Bezeichnung der Stadt zurück, als zu warten, dass das unter dem Druck unausweichlicher Umstände geschieht."

Was Toropow damit meint, lässt er offen, doch der Druck wächst offenbar. Moskau kann den Kaliningradern das Feiern Königsberger Jahrestage verbieten, die Besinnung auf historische Werte längst nicht mehr. Die Staatliche Universität etwa sieht sich wieder ganz in der Tradition ihrer 1544 gegründeten ostpreußischen Vorgängerin. An der Philosophischen Fakultät spielt die Lehre Immanuel Kants eine besondere Rolle, doch nicht nur dort: Auf dem Grabmal des großen Königsberger Philosophen, einer offenen Säulenhalle an der Nordwand des Domes, liegen immer frische Blumen. 2004 jährt sich der Todestag Kants zum 200. Mal. Es wird ein Festakt stattfinden. Wenn Moskau ihn nicht zuvor absagt.