Die meisten deutschen Kommentatoren waren sich in den vergangenen Wochen einig: Mit seinem martialischen Auftreten auf der internationalen Bühne mache Polen - 100 Jahre zu spät - eine wilhelminische Phase durch. Es stürze sich Hals über Kopf in militärische Abenteuer der Washingtoner Kriegstreiber und brüskiere seine deutschen und französischen Gönner, die ihnen eben noch in Kopenhagen unter die Arme gegriffen und sie in die EU gehievt hätten.

Tolpatschig würden die Polen an der Seite Englands gegen Paris und Berlin intrigieren. Zudem: Während die aufgeklärten Deutschen moralische Pazifisten geworden seien, zeigten sich die Polen geradezu kriegslüstern, wofür der amerikanische Prokonsul sie prompt mit einer eigenen Besatzungszone im Irak belohnt habe. Da die Polen nicht einmal fähig seien, diese allein zu verwalten, begehrten sie deutsche Unterstützung. Unverfroren. Der deutsche Spruch von Polen als "trojanischem Esel" wird an der Weichsel noch lange wurmen.

Aus polnischer Sicht sieht das alles völlig anders aus. Keine Spur von Säbelrasseln, wenn man von einigen rechten Kommentatoren absieht, die "Endlich sind wir wieder wer!" dröhnen. Der Marsch auf Bagdad war für die Polen kein Kolonialkrieg, sondern ein Feldzug gegen einen blutrünstigen Despoten. Den polnischen Politikern kam es eher ungelegen, dass Donald Rumsfeld ausposaunte, polnische Kommandotrupps hätten im Handstreich einen verminten irakischen Förderturm im Golf und das Erdölterminal besetzt. Man selbst schwieg lieber, um es sich mit den Irakern nicht zu verderben.

Schließlich hoffen polnische Firmen darauf, zum Wiederaufbau beizutragen. Sie haben im Irak jahrzehntelange Erfahrung.

Polen hatte aus eigener Sicht keine andere Wahl, als seine Bündnispflichten gegenüber Amerika zu erfüllen und atlantische Solidarität zu beweisen. Die Deutschen und vor allem die Franzosen, so die vorherrschende Meinung, hätten den Westen gespaltet. Die Deutschen kann man in Warschau noch verstehen, brauchten sie nach Kosovo und Afghanistan doch eine Verschnaufpause, obwohl ihr Pazifismus auch einen germanisch oberlehrerhaften Ton hatte. Bei den Franzosen dagegen vermutet man eine antiamerikanische Obsession, den alten Traum von einer europäischen Führungsrolle, die ihnen nicht mehr gebühre.

Fazit: Polen befindet sich in keiner wilhelminischen Phase, sondern inmitten seiner Lehr- und Wanderjahre. Und es dreht sich wie auf einer Spirale: Vor den Unzulänglichkeiten der eigenen politischen Klasse fliehen die Polen nach Europa. Das belegen die Meinungsumfragen. Je größer die Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung, desto höher die Akzeptanz der EU. Doch angesichts des Brüsseler Dickichts und der komplizierten Etikette in den europäischen Salons fliehen die Polen weiter nach Amerika. Dort gibt es klare Verhältnisse und vor allem keinen alten Ärger mit den alten Nachbarn. Wenn den Polen aber Amerika zu ruppig wird, können sie weiter auf den Petersplatz im Vatikan fliehen, um am Ende wieder in die gute Stube irgendwo in der polnischen Provinz zurückzukehren. Wird es dort zu eng, treibt es den Polen wieder hinaus nach Europa, eine Spiralwindung weiter ...

Wie das funktioniert, hat soeben das Breslauer Treffen des "Weimarer Dreiecks" gezeigt. Es war mehr als die symbolische Behebung grober Missstimmungen. Das Breslauer Kommuniqué kündigt einen substanziellen Ausbau der deutsch-polnisch-französischen Konsultationen an: Nicht nur werden sich, wie bisher, die Staats- und Regierungschefs oder Außenminister regelmäßig treffen, sondern auch die Finanz- und Arbeitsminister der drei Länder. Ein Signal dafür, dass Polen an einer vertieften Integration der EU interessiert ist und nicht an "gaullistischem" Isolationismus. Im Vorfeld des Treffens ließ Präsident Aleksander Kwaniewski die Katze aus dem Sack: Polen wolle eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik, damit die EU im Rahmen der Nato ein starker Partner der USA sein könne. Eine solche Festlegung vor dem polnischen EU-Referendum am 7. Juni ist beachtlich. Es bleibt zu hoffen, dass am Montag danach die Polen an dieser gemeinsamen Politik tatkräftig mitwirken werden. Denn die Alternative wäre, dass sich nach der EU-Erweiterung die "Alteuropäer" von den "Neuzugängen" abkapseln, während die "Neuen" an der Peripherie ihre Runden drehen. Das können wir Polen nicht wünschen.