Am meisten haben bisher die Frauenzeitschriften über sie geschrieben. In Vogue, Elle, Gala, Bunte und Brigitte war die Dirigentin Simone Young "die Lady mit den High Heels". Als "Maestra" wurde sie präsentiert, die – "Frauenpower mit dem Stöckchen!" – endlich "das Pultpatriarchat", "die letzte Männerdomäne neben der Formel 1" beende. Klatschspaltenpoesie. Eigentlich hätte Simone Young eine bessere Berichterstattung verdient. Mit freundlichem Gleichmut hat sie ihr Yellow-Press-Image als strenge Männerdompteuse hingenommen, seit sie als erste Frau den erzkonservativen Herrenclub der Wiener Philharmoniker dirigierte, der bis Anfang der neunziger Jahre überhaupt keine weiblichen Mitglieder in seinen Reihen duldete. Sie weiß, dass auch in der klassischen Musik nur weiterkommt, wer im Gespräch bleibt – egal, mit welchen Themen.

Die 42-jährige Australierin ist gar nicht so glamourös, wie es den Anschein hat. Sie entspricht viel eher dem Typus der rechtschaffenen Kapellmeisterin, die sich im Opernbetrieb mit Fleiß, Ausdauer und Talent nach oben gearbeitet hat. Sie wurde geschätzt als gewiefte Repertoiredirigentin, die auch der 37. Vorstellung einer Richard-Strauss-Oper Format verleihen konnte. 1986 kam sie (nach einem Klavier- und Kompositionsstudium) als Solorepetitorin an die Kölner Oper. Sie war Assistentin von Daniel Barenboim in Bayreuth und an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, schaffte schnell den Sprung an die ersten Häuser des europäischen Musiktheaters. Sie ist ungemein metiersicher, eine Dirigentin ohne Extravaganzen, elegant, temperamentvoll, aber auf Kontrolle des Ausdrucks sehr bedacht. Ihr Repertoireschwerpunkt liegt im 19. Jahrhundert. Viel Wagner hat sie dirigiert, viele Opern von Richard Strauss, Puccini und Verdi. Anders als ihre Generationskollegen Esa-Pekka-Salonen, Simon Rattle oder Kent Nagano, die mit der Musik des 20. Jahrhunderts von jeher einen ganz selbstverständlichen Umgang pflegen, ist sie mit zeitgenössischen Werken bisher kaum in Erscheinung getreten.

"Weltklasse!", schwärmt die Hamburger Kultursenatorin Dana Horáková, die Simone Young jetzt als Nachfolgerin von Ingo Metzmacher ab der Spielzeit 2005/2006 an die Hamburgische Staatsoper verpflichten will. Aber zur allerersten Garnitur der internationalen Dirigentenszene gehört die Australierin (noch) nicht. Bisher hat sie kein bedeutendes Symphonieorchester als Chefin eigenverantwortlich geleitet. Zwei Jahre lang war sie künstlerische Leiterin der Oper in Sydney, wo sie im letzten Jahr wegen Finanzstreitigkeiten Hals über Kopf kündigte. Die Position in Hamburg wird ihre erste große künstlerische Bewährungsprobe in Europa sein. Und für diese Chance akzeptiert sie Rahmenbedingungen, unter denen ein Christian Thielemann oder ein Kent Nagano, der in drei Jahren an die Bayerische Staatsoper wechselt, wohl kaum zu haben gewesen wäre. Die orientierungslose Hamburger Kulturpolitik ist nach wie vor nicht in der Lage, ihren Institutionen eine längerfristige finanzielle Planungssicherheit zu gewähren. Von vagen "Optionen auf neue Stellen im Orchesterbereich" ist beispielsweise im Zusammenhang mit Youngs Vertrag die Rede. Ob die Bemühenszusagen der chaotischen Kultursenatorin (auf die sich Metzmacher nicht länger verlassen mochte) viel wert sind, muss man bezweifeln.

Simone Young soll den "Glanz" nach Hamburg bringen, dem die regierende CDU-FDP-Schill-Koalition so diffus und spektakelsüchtig nachhängt. Musikalisch ansprechende Opernabende wird sie bestimmt dirigieren. Aber ob sie auch die spannenden Regisseure kennt, bei schmalem Budget das richtige Händchen für die Sänger hat und das dramaturgische Geschick besitzt, anspruchsvolle Spielpläne zu konzipieren, die über den Repertoire-Mainstream hinausgehen? Sie soll nämlich nicht nur Generalmusikdirektorin der Hamburger Oper werden, sondern quasi auch deren Intendantin.

Louwrens Langevoort, der amtierende Intendant, muss in zwei Jahren gehen. Er wird durch einen Operndirektor ersetzt, der in der Haushierarchie deutlich unter der neuen Opernchefin rangiert. Eine heikle Konstruktion, die es zwischen Wien und Stuttgart an keinem anderen großen Opernhaus gibt. Denn Dirigenten bringen einfach nicht mehr die Zeit mit für die administrativen Aufgaben eines modernen Intendantenjobs, für zeitraubende kulturpolitische Lobbyarbeit oder die Beobachtung des internationalen Theaterbetriebs. Selbst ein machtbewusster Star wie Daniel Barenboim hat in Berlin eingesehen, dass ein starker, künstlerisch eigenständig agierender Intendant wie Peter Mussbach an seiner Seite nur von Vorteil ist. Auf Simone Young kommt in Hamburg viel Arbeit zu.