Als Joschka Fischer im Herbst 1998 endlich Außenminister wurde, hatte er seinen Willen zum Amt jahrelang dementiert – mal gespielt verwundert, mal ärgerlich, keinen Zweifel duldend. So wird es auch diesmal sein – bevor Fischer die deutsche Bühne verlässt und, irgendwann im Laufe des Jahres 2005, das neue Amt eines europäischen Außenministers übernimmt. Im Tagesspiegel sagte der Kanzler, er würde Fischers Weggang zwar mit einem weinenden Auge sehen, aber der sei dafür schon "eine exzellente Besetzung".

Dass Fischer nach Brüssel will, darf schon heute als sicher gelten, aus psychologischen, politischen und machtpragmatischen Gründen. Immer waren es neue, größere Ziele, die sich Joschka Fischer suchte, um seine Wandlungen vollziehen und sein politisches Potenzial entfalten zu können. Umgekehrt galt: Der Mann wird müde, grantig und einfallslos, wenn er zu lange auf derselben Bühne agieren muss und andere, attraktive politische Perspektiven fehlen. Mittlerweile nähert sich Fischer überdies dem Lebensalter, in dem der Mangel an neuen Herausforderungen leicht die Vorstellung des endgültigen Ruhestands hervorruft. Das verstärkt seinen Drang nach Veränderung.

Dass sich Fischers Blick dabei auf Brüssel richtet, ist folgerichtig. Bei aller Einschränkung, die man machen muss, wenn man seine Biografie auf nachhaltige politische Leidenschaften hin untersucht: Europa gehört dazu. Und so verbindet sich in seiner Brüsseler Karriereplanung psychologischer Zwang und inhaltliche Neigung auf ideale Weise. Dass dieses Bestreben zudem auch machtpolitischen Charme verströmt, tut ein Übriges. Rot-Grün in Berlin wirkt derzeit nicht wie ein Zukunftsmodell. Selbst wenn die Koalition ihre Legislatur zu Ende bringen sollte – auf eine dritte Neuauflage Schröder/Fischer im Jahre 2006 wird keiner der Akteure ernstlich setzen wollen.

Kurz: Man kann sich für Fischer keinen eleganteren Abschied aus dem deutschen Dilemma vorstellen. Auch erste europäische Stimmen, darunter der französische Außenminister Dominique de Villepin, empfehlen Fischer geradezu euphorisch. Nur: Was veranlasst den Kanzler dazu, seinen populären Minister in schwierigsten Zeiten für ferne Ämter anzupreisen? Fischer jedenfalls wirkt seit Schröders öffentlichem Beförderungslob der deutschen Innenpolitik noch ein wenig entrückter als zuvor. Gilt er dem Kanzler etwa nicht länger als unverzichtbarer Garant der rot-grünen Koalition? Oder ist für Schröder gar die Koalition nicht länger unverzichtbar? Etwas von rot-grüner Abenddämmerung liegt über des Kanzlers jüngsten Bemerkungen.

Entsprechend groß ist die Unruhe bei den Grünen. Sie rührt nur zum Teil von den flirrenden Karriereträumen derjenigen, die sich für die Fischer-Nachfolge berufen fühlen. Der andere Teil kommt aus der Ahnung, das rot-grüne Bündnis könne eben doch so untrennbar mit der Person des Außenministers verbunden sein, dass mit den Spekulationen über seinen Abgang auch das Ende der rot-grünen Ära greifbar wird. Die Bemerkung eines grünen Führungsmitglieds, für die anstehenden Reformentscheidungen dieser Legislatur sei die Mitwirkung Fischers ohnehin überflüssig, hat durchaus forschen Witz. Könnte es aber nicht auch sein, dass Schröder das Europäische inzwischen so ernst nimmt, dass er seinen wichtigsten Mitstreiter dorthin delegieren möchte? So fragen diejenigen, die von den bedrohlichen Aspekten der Personalie für die Koalition ein wenig ablenken möchten. Aber wer will an so viel europäisches Engagement des Kanzlers schon glauben?

Derweil surren die Gerüchte: Kein Grüner könne Fischer beerben. So sieht er das wohl auch. Und es schmeichelt ihm. Für die SPD, so hört man jetzt, könnte Günter Verheugen, der Brüsseler Kommissar, Fischer nachfolgen. Die Grünen würden dann das auch nicht unwichtige – ebenfalls fast schon vakante – Finanzministerium besetzen. Mit Fritz Kuhn beispielsweise. Klingt nicht unplausibel. Trotz – oder wegen – der notorischen Dementis.