Es ist wieder Gipfel der großen Industrienationen. Die Journalisten stehen da wie 100-Meter-Läufer kurz vor dem Startschuss, die Gesichter vor Aufregung verzerrt, jeder Muskel angespannt. Endlich das Signal: Der Pulk stürmt los, hin zu einem Stapel Papier. Wie alle anderen reißt sich der Reuters-Reporter eines der Blätter vom Stapel und schreit in das Telefon, an dessen anderem Ende in der Zentrale ein Kollege seit Minuten mit den Fingern auf der Tastatur seines Computers wartet: "G-8 erwarten Konjunkturaufschwung im zweiten Quartal!"

Das Verfahren heißt real time und bedeutet, dass Nachrichten den Kunden möglichst in der Sekunde erreichen sollen, in der sie entstehen. Stressfeste Journalisten und technischer Fortschritt machen es möglich. Auf den Computerterminals in den Banken von Tokyo oder New York flimmern die News-Bulletins über die Schirme, sobald sie der Redakteur eingetippt hat. Zeit ist Geld. Ein paar Zehntelsekunden Informationsvorsprung können für den Devisenhändler, der abhängig vom Kommuniqué der Industrienationen Dollar kauft oder verkauft, den Unterschied zwischen Millionen im Plus oder Minus bedeuten.

Die Entscheidung war goldrichtig: Lieber Tauben als die Eisenbahn

Und der globale Informationskonzern Reuters aus London ist schnell. Denn mit genau diesem Ziel hat ihn der deutsche Unternehmer vor eineinhalb Jahrhunderten gegründet. Er erkannte, was heute noch die Grundlage des Geschäfts bildet: Informationen sind im weltweiten Handel ungemein wertvoll, und sie sind umso wertvoller, je schneller und "frischer" sie den Empfänger erreichen. Diese Idee trug Paul Julius Reuter im Kopf, als er am 22.April 1850 mit seiner Gattin Ida Maria im Gasthof Schlembach gleich neben dem Aachener Bahnhof abstieg. Der gedrungene Mann, der von seiner Frau um gut einen Kopf überragt wurde, trug sich als "Zeitungskorrespondent aus Paris" ins Gästebuch ein.

Dabei sah er mit seinem geschwungenen Backenbart und seiner Intellektuellenbrille eher aus wie ein Schullehrer. Reuter war gekommen, um den Brauerei- und Bäckereibesitzer Heinrich Geller zu treffen. Der nämlich besaß, was Reuter haben wollte: Brieftauben. In der Telegrafenlinie Berlin–Paris klaffte zwischen Aachen und Brüssel eine knapp 150 Kilometer lange Lücke, die den Nachrichtenfluss zwischen den beiden Handelszentren behinderte. Reuter hatte erkannt, dass die schnellste Technologie, um das telegrafische Niemandsland zu überbrücken, keineswegs die moderne Eisenbahn war, sondern die Taube. Auf dem Dach von Gellers Haus in der Pontstraße 19 gurrten 200 Flugvögel, mit denen der junge Entrepreneur die grenzüberschreitende Schneckenpost in einen Taubenexpress verwandeln wollte. Zwei Tage später war man sich handelseinig. Reuter konnte fortan über 45 Brieftauben nebst 12 Taubenbeförderungskästen verfügen. Damit konnte er Zeitungen und Banken künftig gut fünf Stunden früher mit Nachrichten beliefern als bisher.

Mit dem Zug wurde das Federvieh nun nach Brüssel expediert, von dort hoben die gefiederten Datenträger am nächsten Tag zum Kurzstreckenflug nach Aachen ab. Bepackt mit brandaktuellen Nachrichten landete Reuters "Frühtaube" gegen sieben Uhr morgens in dem verschlafenen Städtchen. Der Direktor, wie sich Reuter seit Gründung seiner Firma stolz titulierte, war da längst wach und erwartete inmitten eines Bergs von Zeitungen und mit der Zigarre im Mund die wertvolle Fracht. Nicht selten eilte der Chef von da aus persönlich zum Telegrafenbüro am Rheinischen Bahnhof, von wo er die Nachrichten an die Verlagshäuser und Banken in Berlin kabelte.

Der frisch gebackene Unternehmer vertraute nicht vielen Leuten und am meisten immer noch sich selbst. Gerade einmal zehn Paragrafen lang war sein Vertrag mit Geller, doch die Geheimhaltungspflichten regelte er im Detail. Für die paar Meter vom Taubenschlag bis zu Reuters Büro musste Geller die Meldungen in einer versiegelten Box verwahren. Bei einer Verletzung seiner Verschwiegenheitspflicht drohte ihm eine Strafe von 100 Talern, damals viel Geld.

Als Reuter am 21. Juli 1816 in Kassel zur Welt kam, hieß er Israel Beer Josaphat. Mit 32 Jahren aber konvertierte Israel zum Christentum und gab sich einen damals weit verbreiteten deutschen Namen – mit dessen Aussprache sich dann die Briten jahrelang plagten ( "Mr Righter?") . Reuter schämte sich seiner jüdischen Herkunft nicht, aber er sah keinen Grund, warum seine Karriere durch seine Herkunft beschränkt werden sollte. Nach dem Tode seines Vaters hatte der damals 15-Jährige bei seinem Onkel Benfey in Göttingen eine Banklehre absolviert. Die stark ausgeprägte kaufmännische Vorsicht vieler Banker aber blieb ihm ein Leben lang fremd. Reuter wollte sein eigener Herr sein, und er wollte lieber alles verlieren als sich mit dem begnügen, was ihm als Sohn eines hessischen Rabbiners in die Wiege gelegt war. Vor dem Brieftauben-Coup hatte er sich erfolglos an mehreren Projekten wie dem Aufbau einer Buchhandlung versucht.