Es gibt historische Situationen, die Staaten dazu zwingen, ihre Beziehungen untereinander neu zu definieren. Anlässe bestehen heute mehr als genug: die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, grenzüberschreitender Terrorismus, zerfallende Staaten, Gewaltherrscher, die sich nicht abschrecken lassen, und schwelende Konflikte innerhalb jener Institutionen – EU, Nato, Vereinte Nationen –, die einst geschaffen wurden, um der Friedensordnung von 1945 Halt und Dauer zu geben.

Mehrere Mächte des Westens haben folglich in jüngster Zeit die Prämissen und Prinzipien ihrer Sicherheitspolitik für das 21. Jahrhundert überarbeitet: Großbritannien 1998 (ergänzt 2001), Frankreich und Amerika Ende 2002. Vor allem die neue National Security Strategy der USA – in der die Supermacht das Exklusivrecht zum Präventivkrieg geltend macht – setzt nicht nur für ihre Feinde, sondern auch für ihre Bündnispartner neue Maßstäbe. Denn diese Strategie ist nicht nur Spielanweisung für eine Mannschaft, sie zielt darauf, das ganze Spielfeld umzugestalten und die Spielregeln neu festzulegen.

Nun läuft auch die Bundesrepublik aufs Feld, mit einer Neu-Auflage ihrer Verteidigungspolitischen Richtlinien. Die VPR – der Abkürzungsfetischismus der Militärfachleute sei gepriesen – definieren, wie es im noch gültigen Vorgängerdokument von 1992 heißt, "Grundsätze zur Sicherheitspolitik, den Auftrag der Bundeswehr und die wesentlichen Aufgaben der Streitkräfte". Will sagen, es handelt sich um die sicherheitspolitische Kursbestimmung des Staates und die verbindliche Planungsgrundlage für die Bundeswehr. Ein Dokument von Gewicht, das lange Zeit Bestand haben soll. Es hat zudem zehn Jahre aufzuholen: eine Ära globaler Umwälzungen, in der sich Deutschland mit dramatischen Sprüngen vom Frontstaatsdenken des Kalten Krieges entfernte. Die Etappen: Kambodscha 1992, Somalia 1993, Bosnien 1995, Kosovo 1999, Afghanistan 2001. Man darf also auf das Dokument gespannt sein – oder?

Noch ist der Wortlaut der VPR, die am 21. Mai dem Bundeskabinett zur Kenntnisnahme vorgelegt werden sollen, geheim. Weshalb der Text kürzlich auf den üblichen inoffiziellen Wegen in die Öffentlichkeit sickerte und alsbald von den Sprechern des Verteidigungsministeriums als überholter Entwurf abgetan wurde. In der Tat flicken viele Hände fleißig weiter am Papier herum (was anscheinend weder Sprache noch Stringenz zugute kommt).

Unstrittig ist indes, dass Verteidigungsminister Peter Struck im Herbst seinem Planungsstab den Auftrag gab, die alten VPR zu überarbeiten; das rund 20 Seiten lange Papier wurde mit Außen- und Bundeskanzleramt abgestimmt. Vor allem aber ist es ein offenes Geheimnis, dass schon der jüngst publik gewodenen Entwurf kaum Überraschungen barg. Hatte Struck doch in den Monaten zuvor scheibchenweise - in kongenialer Fortsetzung der "Salami-Taktik" seines Vorgängers Volker Rühe - Kernpunkte der VPR vorab in die Öffentlichkeit gebracht, von der Wehrpflicht bis zur (so des Ministers forsche Formel) "Landesverteidigung am Hindukusch".

Immerhin: Mit dem Eingeständnis, dass die Gefahr eines Großangriffs mit konventionellen Streitkräften auf Deutschland gebannt ist, wird eine Fiktion begraben, die schon in der missglückten Scharpingschen Reform nur mit intensivmedizinischen Mitteln am Leben gehalten werden konnte. Der damalige Generalinspekteur Harald Kujat, der die Reform mitgestaltet hatte, pflegte bei diesem Punkt wie ein Fuchs durch den Qualm seiner Zigarre zu blinzeln: Die Russen… na, man soll nie nie sagen! In Wahrheit aber war dieses bleierne Beharren einer Koalition der Reformunwilligen geschuldet, von den Volksparteien über Bundeswehrbürokratie und Rüstungsindustrie bis hin zu Standortkommandeuren, Bürgermeistern und Zivi-Beschäftigern: Je mehr Masse, desto mehr Panzer, Arbeitsplätze und Wehrpflichtige, lautete die realitätsblinde Rechnung.

Inzwischen aber hat sich die Einsicht, mit der die Weizsäcker-Kommission im Mai 2000 noch einsam dastand, auf breiter Front durchgesetzt: Die künftige Hauptaufgabe der Bundeswehr ist die Verhinderung und Bewältigung von Krisen, oft in Europa, immer öfter auch darüber hinaus. Und das muss, ja soll, Folgen haben: für Umfang (kleiner), Material (leichter, besser) und Personal (professioneller).

Wenig überzeugend ist dagegen die Eingebung, einem Denkfehler der US-Strategie folgend, den Antiterrorkampf zum Schutz vor „vornehmlich religiös motiviertem Extremismus und Fanatismus“ pauschal zu einem neuen Auftrag für die Bundeswehr zu erheben. Der Nachtrag zur britischen Strategic Defence Review bringt das Thema erfreulich nüchtern auf den Punkt: Drohungen mit Massenvernichtungswaffen oder Terrorakten, steht da, seien feindliche Taktiken – doch der 11.September habe gezeigt, dass diese heute „potenziell strategische Reichweite haben“. Eben. Auch die schillernden Beweggründe heutiger Möchtegern-Massengewalttäter hat eine interne Bundeswehr-Studie (Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologie für das 21. Jahrhundert) schon anspruchsvoller beschrieben.