Seoul

Miguk sagen die Koreaner zu Amerika. Miguk, das schöne Land. Lange lebten sie mit dem schönen Land in einer Art Symbiose. Millionen Südkoreaner fanden in dieser Bindung ihre Identität. Wertlos hatten sie sich zuvor gefühlt. Kaum noch gewusst, wer sie waren, als sie am Ende des Zweiten Weltkrieges der japanischen Kolonialherrschaft entrinnen konnten. Ihre schnell gewählte Volksvertretung hatten die Amerikaner zwar ignoriert. Die US-Truppen landeten, marschierten wortlos am Begrüßungskomitee aus drei englischsprachigen Koreanern vorbei, unterstellten die Halbinsel bis zum 38. Breitengrad ihrer Militärregierung und hissten das Sternenbanner.

Doch dann schaute die Mehrheit der Koreaner bald zu den Amerikanern auf, folgsam und wiss- begierig. Trotz Teilung und Korea-Krieg (1950 bis 1953) lernte der Süden seine Lektionen wie keine zweite Entwicklungsregion auf der Welt. In einer Generation machte das verarmte Land aus seinen Reisfeldern ein Silicon Valley. Längst lässt der Boom die Metropole Seoul aus allen Nähten platzen. Neun Millionen Menschen leben in ihrem Einzugsbereich, zehn Millionen in der Stadt selbst.

Mittendrin aber, in bester, teuerster Innenstadtlage, gibt es 225 Hektar Land, die von diesem Aufstieg unberührt geblieben sind. Das ist die für die Koreaner bis heute verbotene Stadt: Yongsang, einst Hauptquartier der japanischen Unterdrücker und seit Jahrzehnten Garnison der US-Schutzmacht in Südkorea. Ihrer Hauptkraft, der 2. Infanterie-Division, dient der riesige Standort in der Stadtmitte.

Im vergangenen Juli begann der Sturm auf diese Bastille. Schulkinder und Studenten, Professoren und Mönche, Buddhisten, Christen, Extremisten rannten mit dem Ruf "Yankee go home!" gegen Yongsang und andere US-Stützpunkte an. Der Wahlkämpfer Roh Moo Hyun, mittlerweile Staatspräsident, umwarb die Demonstranten mit dem Versprechen, dass Südkorea neutral bleiben werde, falls es zum Krieg zwischen den USA und Nordkorea kommen sollte. Miguk, das schöne Land, war plötzlich zum hässlichen Amerika geworden.

Mauer der Freundschaft

Wie ist es zu dieser Entfremdung gekommen? Müsste Seoul, das nur 50 Kilometer von der Grenze zum unberechenbaren Regime im Norden entfernt liegt, nicht gerade jetzt für die amerikanische Garnison dankbar sein?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich nur für einen Augenblick vorstellen, Yongsang läge mitten in Berlin. Der Stadtteil Tiergarten, rundum verborgen hinter einer Mauer aus roten Steinen oder grauem Beton mit Stacheldraht. Seit Jahrzehnten können die Anwohner nur die Kronen der Magnolien- und Kirschbäume über die Mauer der Freundschaft lugen sehen, die hohen Antennenmasten, die Dächer der Militärschuppen und der Quartiere. Verteidigungsminister Peter Struck müsste jedes Mal, wenn er zum Landeplatz seines Diensthubschraubers wollte, die Standortkommandantur um Erlaubnis bitten, das Gelände passieren zu dürfen.