P laton berichtet von dem Philosophen Thales, er sei bei der Beobachtung von Sternen, also den Blick nach oben gerichtet, in einen Brunnen gefallen. Da habe ihn eine thrakische Magd ausgelacht, weil er, "was am Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu seinen Füßen, ihm unbekannt bliebe". Diese Geschichte ist kaum noch vom Bild des Philosophen zu trennen. Auch heute gelten Philosophen als abstrakt, lebensfern und schwer lesbar. Nicht ganz zu Unrecht. Selbst noch der Begründer der Phänomenologie, Edmund Husserl, der doch unter der Maxime "Zu den Sachen selbst" angetreten war, landete schließlich bei der Ideenschau.

Das ist bei dem Kieler Philosophen Hermann Schmitz anders. Seine Neue Phänomenologie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Alltagserfahrung wieder in ihr Recht einzusetzen. Das heißt freilich nicht, bloß zu beschreiben, "was sich so gibt". Denn unbefangen ist die Alltagserfahrung zumeist nicht. Die Tatsache, dass wir in einer technischen Zivilisation leben, hat unsere Wahrnehmungsweisen geprägt und die Dominanz des naturwissenschaftlichen Denkens unsere Begriffe. Gegen diesen Druck muss die Phänomenologie erst wieder zugänglich machen, was gleichwohl von jedem gespürt wird und seine Lebensrelevanz behält: der Leib, die Atmosphären, die Gefühle, die Situationen.

Moderne Menschen sind es gewohnt, von sich selbst als einem Gehirn zu sprechen und sich als Körper unter Körpern zu behandeln. Nach Abbau dieser Vorurteile erwartet den Schmitz-Leser eine Entdeckungsreise, die ihm die Welt und das eigene Leben neu erschließt. Schmitz’ größtes Geschenk sind die Rehabilitierung der Subjektivität und sein Konzept subjektiver Tatsachen. Inzwischen hat zwar auch die analytische Philosophie die Besonderheiten der Rede in der ersten Person entdeckt, doch Schmitz war es, der dieser Rede Gewicht gegeben hat: "Ich bin traurig" benennt weder eine spezifische Nuance von Trauer noch einen singulären Standpunkt zur Welt, sondern dass ich es bin, unvertretbar, den die Trauer getroffen hat.

Anders als bei vielen Philosophen ist Schmitz’ Werk gut lesbar. Doch was die Leser abschrecken kann, ist der Umfang seines Werkes: Neben seinem Hauptwerk, dem im Bouvier Verlag erschienenen zehnbändigen System der Philosophie, gibt es noch mindestens ebenso viele voluminöse Bücher zur Geschichte der Philosophie. Seine eigenen Versuche, sein Werk zu komprimieren, machen die Sache nicht leichter. Da empfiehlt es sich zur Einführung, Band I des Systems zur Hand zu nehmen, Die Gegenwart, in dem von Schmitz sein Begriff von Philosophie, seine Methode und sein Prinzip, eben die Gegenwart, erläutert werden.

Vor allem der Gesellschaft für Neue Phänomenologie ist es zu verdanken, dass Schmitz’ Philosophie eine breite Wirkung entfaltet: in der Medizin, der Psychotherapie, in der Kunst. Schmitz, dessen Vater Reichsgerichtsrat war, wünschte sich auch eine Wirkung auf Recht und Politik. Dem wird aber eine seiner jüngsten Publikationen, ein Buch über Hitler, nicht günstig sein. Dass sich die Neue Phänomenologie dennoch durchsetzt, bestätigt der begeistert aufgenommene Auftritt von Schmitz bei der Bonner Tagung der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie.