Warum eigentlich plagen wir uns in diesem depressiven Land mit übler Laune, Verschuldungsdiskussionen und Zukunftsängsten herum? Man muss nur zu unseren französischen Nachbarn rüberschauen, um zu sehen, wie einfach es ist, sich immer wieder der eigenen alteuropäischen Weltbedeutung zu versichern. Glanzvollstes Beispiel dieser Autosuggestion ist das Filmfestival von Cannes, von den Franzosen liebevoll als cineastischer Hochleistungsmythos gepflegt. Noch kurz vor Festivalbeginn lud Jacques Chirac die französischen Wettbewerbsteilnehmer in den Élysée-Palast und lobte sie in einer Rede als Europas kulturelle Vorreiter und verantwortungsvolle Bewahrer des nationalen Kinoerbes. In diesem Jahr allerdings wird es für die Filmschau an der Croisette nicht leicht, sich als Medium des frankoeuropäischen Weltgeistes zu präsentieren, denn sie hat zwei amerikanische Supermegaproduktionen an Land gezogen: die europäische Uraufführung von Matrix – Reloaded der Gebrüder Wachowski und den Werbezirkus um Terminator 3 mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle .

Wohl weil man das Feld nicht kampflos den amerikanischen Hegemonialgefühlen überlassen will, wurde der Tag der Matrix- Premiere in Cannes kurzerhand zur Journée de l’Europe ausgerufen. Die Kulturminister der alten und der neuen EU-Mitgliedsstaaten treffen sich zu einer Konferenz, lassen sich mit berühmten Kinoschaffenden fotografieren, nehmen ein mehrgängiges Abendessen ein und werden sicherlich eine Erklärung über die zentrale Bedeutung der europäischen Kinoidentitäten verabschieden. Auch Wim Wenders hat es sich nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit ein kleines pathetisches Europatextchen zu verfassen, in dem er über die Gründung eines europäischen Künstlerrats sinniert, der künftig die kulturellen Geschicke des "Heimatkontinents" bestimmen könnte.

Kein Zweifel: Die Journée de l’Europe wird sich in den virtuellen Daseinsschleusen von Matrix – Reloaded verlieren, sie wird von Schwarzeneggers Superwummen zerlöchert und von den Beats der anschließenden MTV-Party pulverisiert werden. Aber darauf kommt es in Cannes nicht wirklich an. Vielmehr geht es um die Beschwörung eines Europa-Begriffs, der wie ein morsches Rettungsfloß in den neuen globalisierten Datenströmen des Kinos herumtreibt. Europa als wunderbar praktische Chiffre, als nostalgische Bastion, in der sich antiamerikanische Ressentiments gemeinsam mit kulturpolitischer Konzeptlosigkeit und den Überresten des alten Autorenkinos eingenistet haben. Dabei scheint auf die Identität des großen alten Heimatkontinents nicht mal mehr an der Croisette Verlass: Während zum zehnten Mal in Folge kein deutscher Beitrag um die Goldene Palme konkurriert, läuft seit 20 Jahren erstmals wieder ein türkischer Film im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes. Europa, ick hör dir trapsen.