Der Raum über unseren Köpfen ist 1057 Mal größer als der Raum unter unseren Füßen, die Erdkugel. Obwohl das Universum weitgehend leer ist, bereisen es seit über vier Jahrzehnten Satelliten, Sonden – und Forscher. Ihre Expeditionen haben uns in eine Ferne von sechs Milliarden Kilometern geführt. Den kleinen Raum unter uns aber haben wir bislang nur vorsichtig erkundet. Gerade mal zehn Kilometer sind wir in die Tiefe vorgedrungen.

David J. Stevenson, Physiker am California Institute of Technology in Pasadena (USA), möchte das ändern. Er hält die Zeit für gekommen, Messgeräte statt ins All entschlossen in den Untergrund zu schicken. Damit schlügen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir erforschten endlich das Innenleben unseres Planeten direkt und könnten, da für den schnellen Eintritt in die Unterwelt das "Äquivalent von ein paar Megatonnen TNT" explodieren müsste, eines der größten Probleme der Menschheit lösen. Denn was sollten wir sonst tun mit den nuklearen Sprengkörpern, die in den Arsenalen der Atommächte verrottend auf ihren Einsatz warten? Nur sie, vermutet Stevenson, wären kräftig genug, um einen schmalen Riss im Erdmantel zu öffnen, damit eine grapefruitgroße Sonde die Reise zum Mittelpunkt unseres Planeten antreten könnte.

Spinnerei? Die faszinierende Idee wird diese Woche immerhin im Fachblatt Nature präsentiert (Bd. 423, S. 239). Stevenson spart dabei nicht mit Vergleichen. Gemächlich Steine schmelzend in die Erde einzudringen verbrauche zu vielEnergie: eine Milliarde mal so viel wie für dieselbe Strecke im Weltraum. Weil die Reise abwärts viel aufwändiger sei, gebe es noch keine Untergrund-Nasa, sagt er. Die zu erwartende Reisezeit von "einigen tausend Jahren" sei zwar "geologisch betrachtet kurz" – aber viel zu lang, als dass eine Regierung das Projekt in den Haushaltsplan aufnehmen würde.

Schon sind wir froh, dass es Atombomben gibt. Mithilfe einer ordentlichen Sprengung lässt sich die Reisezeit massiv verkürzen. Die etwas komplizierte Rechnung des Physikers führt nämlich am Schluss zu einem erstaunlichen Ruckzuck-Szenario, "das nur deswegen unrealistisch erscheint, weil wir uns kaum darum gekümmert haben".

Die Sprengung zöge ein Erdbeben der Stärke sieben auf der Richter-Skala nach sich. Sie würde den Erdmantel auf einer Länge von etwa 300 Metern aufreißen. Unmittelbar danach könnte die Messsonde die Reise antreten, verpackt in mindestens 10000 Kubikmeter flüssiges Eisen. Das sind hundert Millionen Kilogramm, gerade so viel, wie alle Eisenhütten der Welt in einer Stunde produzieren. Allein von den Kräften der Gravitation getrieben, würde der gigantische, glühende Klumpen Meter um Meter durch den Mantel abwärts drängen und zum Mittelpunkt der Erde sinken.

Innerhalb einer Woche wäre er dort. Die mitgeschleppte Sonde (aus einer "Legierung mit sehr hohem Schmelzpunkt") reist unterdessen nicht tatenlos mit. Miniinstrumente in ihrem Inneren analysieren unter anderem Temperatur, elektrische Leitfähigkeit und Elemente des Untergrunds. Ihre Informationen erreichten uns als hochfrequente seismische Wellen. Für das Abschicken der Botschaften durch die Sonde hat Stevenson zehn Watt Sendeleistung budgetiert.

Ab und zu wird eruptiv nachgelegt

Offensichtlich inspirieren die seit Ende des Kalten Kriegs nutzlos in den Zeughäusern herumstehenden Atombomben die Wissenschaftler. Stevenson ist nicht der Einzige, der die durchschlagskräftigen Restposten für Projekte nutzen möchte, um die Menschheit voranzubringen. Heute zerlegen Firmen wie die Pantex Plant in Texas die gefährlichen Waffen in ihre Einzelteile. Bei der jüngsten atomaren Abrüstungsrunde haben sich Bush und Putin darauf geeinigt, je rund 3800 Sprengköpfe zu entsorgen. Für einige Forscher und Ingenieure ist das schlicht Verschwendung. Mit den Explosionsressourcen ließe sich auch Gutes tun. Zum Beispiel das Klima retten.