Penisverlängerungen, käufliche akademische Grade, Video-Kontaktbörsen, windige Finanztipps aus Nigeria, Viagra oder Anti-Alterungs-Mittelchen: Internet-Nutzer von Passau bis Philadelphia finden jeden Morgen in ihrem E-Mail-Postfach Berge von Nachrichten, die für die eigenwilligsten Dienste und Produkte werben oder schon zur Frühstückszeit Pornografie anpreisen. Geschickt wissen sich die Absender dieser Belästigungen zu tarnen, die Mails stammen scheinbar aus Russland, Brasilien oder sonst woher. Eine E-Müllwelle aus dem Zwielicht.

Unter der Last der unverlangt und massenhaft versandten Werbe-E-Mails, Spam genannt, ächzt das Netz. Allein die Server des weltgrößten Internet-Anbieters AOL fischen zurzeit täglich 2,3 Milliarden dieser elektronischen Wurfsendungen aus dem Mail-Verkehr heraus – dreimal so viele wie noch im Februar. Wie viel dem Müllfilter entgeht und in die Postfächer der Nutzer zugestellt wird, darüber kann man nur spekulieren. Nicht nur die 35 Millionen AOL-Mitglieder, fast jeder der rund 600 Millionen Internet-Nutzer verzeichnet in den letzten Monaten eine drastische Spam-Zunahme. AOL-Chef Jon Miller hat Spam darum als "Feind Nummer eins" gebrandmarkt.

Schaden für Image und Kasse

Die Internet Engineering Task Force, die technische Standards für das Internet entwickelt, macht Spam inzwischen für einen großen Prozentsatz des weltweiten E-Mail-Volumens verantwortlich. Eine exakte Statistik gibt es nicht. "Ob es nun zwölf Milliarden Spam-Mails am Tag sind oder auch nur sechs Milliarden – der Schaden ist da", sagt der Rechtsanwalt Sven Karge von eco, dem Verband der deutschen Internet-Wirtschaft.

Schaden ist das Stichwort. Spam ist ein ernsthaftes Problem. Das machen die hektischen Aktivitäten klar, die die Wirtschaft derzeit entfaltet: Die Branchengrößen AOL, Yahoo! und Microsoft, einander sonst spinnefeind, entwickeln seit Mai gemeinsam Techniken zur Spam-Verhinderung. Als im Januar in Cambridge, Massachusetts, Amerikas erster Anti-Spam-Kongress stattfand, drängten sich statt der erwarteten 30 Besucher über 500 im Saal. Viele von ihnen waren Vertreter von E-Mail-Anbietern und Internet-Dienstleistern. Nächsten Mittwoch veranstaltet eco im hessischen Schloss Kransberg den "1. Deutschen Anti-Spam-Kongress". Höchste Zeit, so Mitorganisator Karge: "Es ist gerade noch früh genug, die Notbremse zu ziehen."

Heute schon kostet Spam die Provider Übertragungs- und Speicherkapazität, also bares Geld. Die Firmen, die davon leben, dass Menschen der elektronischen Kommunikation Zeit und Geld opfern, fürchten: Zugemüllte Postfächer könnten auf lange Sicht die Kunden vergrätzen. Diese Angst spiegelt sich auch im Namen der Müll-Mails: Eigentlich eine Dosenfleisch-Marke, wurde Spam durch einen Sketch der britischen Komiker Monty Python berühmt: In einem Café sangen dort Wikinger "Spam, Spam, Spam!", bis jede normale Unterhaltung der Gäste unmöglich wurde.

Doch Spam nervt nicht nur, sondern bringt auch das Schmuddelimage des Internet zurück, als Einfallstor für Betrüger und Kriminelle. Zwei Drittel aller Werbe-Mails weisen Indizien für Betrugsvergehen auf, behauptet die US-Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission (FTC) in einer Studie vom April. FTC-Verbraucherschützerin Eileen Harrington bezeichnet Spam als "das drängendste Problem der kommenden Dekade". Harrington geißelt besonders solche Werbe-Mails, die nicht als Werbung gekennzeichnet sind oder etwas anderes an den Nutzer bringen wollen, als sie vorgeben. Das macht nicht bei simplen Kaufappellen halt: "Jemand, der dich gerne kennen lernen möchte, sich aber nicht traut, dich anzusprechen, hat eine Videobotschaft für dich hinterlassen. Um sie anzusehen, klicke bitte hier."

Solche Spam-Mails führen tatsächlich zu einer ganz anderen Art von "Verbindung", als sie suggerieren. Hinter den Links verstecken sich Dialer, Einwahlprogramme, die sich heimlich auf den Rechnern Ahnungsloser einnisten und zu horrenden Preisen Internet-Verbindungen aufbauen. So kann eine Einwahl viele hundert Euro kosten. Der Verband eco beobachtet gerade: Ein neuer Trend unter deutschen Spammern geht zum Betrug mit kostenpflichtigen Faxabrufdiensten. Über die Gebühren lassen die irreführenden Mails ihre Opfer im Unklaren.